Die Herkulesaufgabe

von Redaktion

Eintracht Frankfurt wird beim FC Chelsea über sich hinauswachsen müssen

Von INGO DURSTEWITZ

London – Draußen, auf dem dampfenden Rasen des GSP-Stadions im zypriotischen Nikosia, stand Adi Hütter nach dem 3:2 gegen Limassol und reckte die Faust in den Nachthimmel, ehe er sich gerührt vor der Fankurve verbeugte. Drinnen, im Bauch der kleinen Arena, wurde der Frankfurter Mittelstürmer Sebastien Haller gefragt, ob nun, nach vier Siegen in der Gruppenphase und der vorzeitigen Qualifikation für die K.o.-Runde der Europa League, sogar der Traum vom Finale in Baku auflebe. Baku? Finale? Das Endspiel schien damals, im November des alten Jahres, in etwa so weit weg wie eine einheitliche Handspielauslegung in der Bundesliga. „Ja, der Traum von Baku lebt“, bedeutete der Franzose, beinahe selbstverständlich. Eine Routineantwort.

Ein halbes Jahr später ist das Finale tatsächlich nicht mehr weit entfernt, 90 Minuten nur, vielleicht auch 120 und ein paar Schüsse aus elf Metern. Ein schnöder 1:0-Sieg oder auch ein 2:2 heute Abend an der Stamford Bridge (21 Uhr/live bei RTL und DAZN) würde der Eintracht nach dem 1:1 im Hinspiel gegen den FC Chelsea auf alle Fälle reichen, um am 29. Mai in Baku antreten zu dürfen. Die Engländer aus dem Wettbewerb zu kegeln, ist eine Herkulesaufgabe, ganz klar, aber auch nicht unmöglich. Mit Hingabe, Mentalität und Aufopferung, mit Spielglück, einem Sahnetag und einer vielleicht etwas überheblichen Chelsea-Mannschaft könnte die Mission impossible doch zu einem guten Ende gebracht werden – ungeachtet des deftigen Sechserpacks gegen Bayer Leverkusen vom Sonntag.

Es wäre ein historischer Erfolg – der seinen Ausgangspunkt beim 2:1-Sieg im September vergangenen Jahres im menschenleeren Stade Vélodrome zu Marseille hatte. Ein sehr spezielles Erlebnis. Dieses merkwürdige Geisterspiel in Südfrankreich ist ganz ohne Zweifel der Wendepunkt in dieser bis dahin sehr holprigen Saison gewesen, eine Art Knackpunktspiel. Marseille, der 20. September 2018, war quasi die Geburtsstunde, die Erweckung für das heutige Eintracht-Team, das danach die Liga rockte und zu einer der aufregendsten Mannschaften in Deutschland und Europa wurde. Dazu muss man wissen, dass Eintracht vor Frankfurt dem ersten internationalen Auftritt in dieser Spielzeit national eher suboptimal unterwegs war, die Aussichten schienen arg trübe zu sein, es setzte Prügel im Supercup gegen die Bayern, es folgte das peinliche Pokalaus beim Viertligisten Ulm, als Titelverteidiger wohlgemerkt, und nach drei Bundesligapartien hatte die Eintracht drei Punkte auf dem Konto, die sie sich irgendwie in Freiburg ergaunert hatte. Man stellte sich auf einen langen, zähen Kampf ein, womöglich gar gegen den Abstieg.

Stattdessen fegten die Hessen über den alten Kontinent hinweg, schlugen nach Marseille (2:1, 4:0), Lazio Rom (4:1, 2:1) und Limassol (3:2, 2:0) noch die Topteams von Schachtjor Donezk (2:2, 4:1), Inter Mailand (0:0, 1:0) und Benfica Lissabon (2:4, 2:0). Aber sie werden heute über sich hinauswachsen müssen, um eine Chance zu haben. Nach 47 Pflichtspielen sind die Recken ziemlich k.o.

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