Als der FC Liverpool das erste Halbfinalspiel der Champions League gegen den FC Barcelona 0:3 verloren hatte, hat der Trainer José Mourinho, der gerade für einen TV-Sender arbeitet, den Trainer Jürgen Klopp, der gerade für einen echten Fußballverein arbeitet, angezählt. Er sagte: „Jürgen gewinnt seit dreieinhalb Jahren absolut nichts. Und der Club hat noch das Vertrauen, die Zuversicht und die Mittel, an ihm festzuhalten.“ Als derselbe FC Liverpool dann nur sechs Tage später das zweite Halbfinalspiel 4:0 gewann, sagte derselbe Mourinho: „Für mich hat dieses Comeback einen Namen: Jürgen. Das ist die Spiegelung seiner Persönlichkeit: niemals aufgeben, sein Kampfgeist. Hier ging es nicht um Taktik oder Spielphilosophie, hier ging es um Herz und Seele.“ Welcher Mourinho hat nun recht?
In Liverpool, das vorneweg, ist an diesem Dienstagabend etwas Wunderbares passiert, weil dort eine Mannschaft spielte, die an ihren Trainer glaubte. Sie kam in der Vergangenheit in einige Situationen, an denen sie hätte zerbrechen können. Vor einem Jahr natürlich, als sie im Finale der Champions League scheiterte, weil ihr Torhüter patzte. Vor einer Woche erst, als sie im Camp Nou in Barcelona so selbstbewusst spielte wie vielleicht keine Auswärtself zuvor, aber trotzdem 0:3 unterging. Vor drei Tagen sogar, als sie zusehen musste, wie Manchester City in der Liga mit einem irren Tor den ersten Platz eroberte und jetzt wohl auch Meister wird – obwohl Liverpool nur ein verdammtes Spiel verloren hat. An diesen Nackenschlägen ist die Mannschaft aber nicht zerbrochen, weil Jürgen Klopp sie nicht hat zerbrechen lassen.
Dieser Mann mit Kappe führt den FC Liverpool mit einer emotionalen Art, die die Arbeiter in der Fankurve und die Multimillionäre in der Kabine erreicht – und sich mit jedem Faustschwingen am Spielfeldrand erstaunlicherweise nicht abnutzt, sondern verfestigt. Es ist aber wohl die größte Leistung des Trainers Klopp, dass er seine Leidenschaft in eine Spielidee gegossen hat, die noch immer höchsten Ansprüchen genügt und von allen bewundert wird: von den Fans, den Fußballern, dem Trainergenie Pep Guardiola und – damit nun zurück zur Ausgangsfrage – sogar von José Mourinho, dem ewigen Stichler.
In den Finals, das stimmt, hat Klopp zuletzt immer verloren. Zweimal in der Champions League, einmal in der Europa League, zweimal im DFB-Pokal und einmal im englischen Pokal. Das wirft ihm nicht nur Mourinho vor. Daher eine Gegenfrage: Kann ein Titel überhaupt noch das Gefühl steigern, das Jürgen Klopp mit seiner Art und seinem Fußball in den Menschen auslöst? Aus romantischer Sicht gewiss nicht. Das Problem ist nur: Im Profifußball werden die Romantiker immer weniger.
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