Liverpool – Es gibt Momente der Fußballgeschichte, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Jener aus der 79. Minute des 7. Mai 2019 an der Anfield Road gehört dazu. Niemals in der Historie des königlichen Spitzenfußballs hat man eine derartige List erleben dürfen wie jene des 20-jährigen Trent Alexander-Arnold im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona vor dem entscheidenden Tor zum 4:0. Ein Treffer, der den da schon bedenklich wankenden spanischen Meister endgültig demoralisierte. Am Ende schaffte ein Team, dem die drei Stützpfeiler Mohamed Salah, Roberto Firmino und Naby Keita verletzt fehlten, in eine der spektakulärsten Aufholjagden des europäischen Fußballs das eigentlich Unmögliche und drehte das 0:3 aus dem Hinspiel.
Der frühere Wolfsburger Bundesliga-Profi Divock Origi und der zur Halbzeit eingewechselte Georginio Wijnaldum erzielten in dieser magischen Nacht jeweils zwei Tore und brachten das Tollhaus in Liverpool zum Kochen. Die Engländer stehen damit im Finale von Madrid am 1. Juni. Gegner wird Tottenham Hotspur sein. „Es ist unglaublich nach dieser Saison, die wir gespielt haben, den Spielen, die wir hatten, den Verletzungen die wir hatten“, sagte ein euphorisierter Trainer Jürgen Klopp nach einer minutenlangen Gänsehaut-Stimmung auf den Tribünen des legendären Stadions.
Der geniale Eckballtrick von Alexander-Arnold vor dem Tor von Divock Origi setzte dem Wahnsinn die Krone auf. Millionen Fans weltweit kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragten sich: War das einstudiert oder „nur“ ein genialer Geistesblitz? „Es war nur instinktiv“, klärte Alexander-Arnold hinterher auf: „Es war einer dieser Momente, in denen du die Gelegenheit erkennst und dann wahrnimmst.“
Englands früherer Nationalspieler Gary Lineker schwärmte auf Twitter von einem „der cleversten, frechsten und brillantesten Fußballkunststücke, die ich je gesehen habe.“ Alexander-Arnold tat beim Eckball so, als würde er für Xherdan Shaqiri Platz machen. Nach vier Schritten drehte sich der Nationalspieler aber blitzschnell um und flankte flach und scharf in den Strafraum, wo einzig Torschütze Origi („Ich habe die Präsenz Gottes gespürt“) reagierte. Neun Gegner standen nutzlos um den Torschützen herum. „Wir sahen wie Schuljungen aus“, klagte Barcelonas Stürmer Luis Suarez mit Blick auf den schmerzhaften Moment in der Schlussphase.
Hinterher belobigte Trainer Jürgen Klopp seine Spieler als „Mentalitätsgiganten“. Er verriet später, was er vorher „zu den Jungs gesagt“ hatte: „Ich glaube nicht, dass es möglich ist. Aber weil ihr es seid, glaube ich, dass wir eine Chance haben.“
Es war diese perfekte Mischung aus Physis und Pfiffigkeit, mit der die Reds den Giganten aus Barcelona in die Knie zwangen. Klopp bestätigte später, dass er im Training „viel Zeit“ auf „schnelle Standardsituationen“ verwende. Auch Origi, der nur wegen der Verletzungvon Mo Salah in die Startelf gerückt war, behauptete glaubhaft, dass dieses Tor für die Ewigkeit nicht nur ein Zufall gewesen war: „Unser Trainer sagt im Training immer, dass wir aufmerksam sein und diese Chancen nutzen sollen.“ Sie taten wie geheißen.
„Never give up“, stand groß auf Salahs T-Shirt. Und der Ägypter behielt recht. Er habe „Spieler auf dem Platz gehabt, die haben geweint. Das haut dich um“, sagte Klopp gerührt, „dieser Klub lebt Emotionen, in ihm schlägt ein großes Herz, heute hat es wie verrückt geschlagen. Man hat es vermutlich auf der ganzen Welt gehört.“
Mit dieser Heldentat dürfte es dem FC Liverpool ein wenig leichter fallen, die Aussicht auf den zweiten Platz hinter Manchester City in der Premier League zu verschmerzen – nach einer Saison mit nur einer einzigen Niederlage. sid/dpa/mm