Es fällt nicht ganz leicht, nach solchen Fußballnächten gleich wieder zur Tagesordnung, zur nüchternen Analyse überzugehen. Denn wohl noch nie in der Geschichte der Champions League verliefen die Halbfinals so atemberaubend turbulent, rauschhaft und in Anbetracht der unglücklichen Verlierer auch so herzzerreißend. Somit sei den vier Mannschaften gedankt, die diese Fußball-Feste zelebrierten, für Momente sorgten, die zwischen Magie und Wahnsinn schwankten. Ein Hoch also auf die Mannen aus Liverpool, Tottenham, Barcelona und Amsterdam. Schon jetzt sind die beiden Spiele fast Legende.
Herausgekommen ist dabei ein rein englisches Finale. Liverpool – Tottenham. Eine Zuspitzung des kontinentalen Kräftemessens, die zwar irgendwie logisch ist – und dennoch überrascht. Womit wir also nun doch bei der nüchternen Analyse wären. Mit dem Insel-Duell scheint sich nun zu bestätigen, was schon seit Längerem erwartet bzw. befürchtet worden ist: die Dominanz des englischen Fußballs. Denn, so der Einwand der Kritiker, was lässt sich langfristig schon groß ausrichten gegen eine Liga, in die Milliarden an TV- und Oligarchen-Gelder fließen? Liverpool zum Beispiel ist in der Lage, sich einen 960 Millionen Euro teuren Kader zu leisten. Manchester City führt die diesbezügliche Tabelle gar mit 1,14 Milliarden an. Derlei finanzielle Potenz bringt den internationalen Wettstreit in eine bedrohliche Schieflage.
Das Erstaunliche aber war, dass sich der englische Vorteil in der Champions League nicht so richtig bemerkbar machte. In den vergangenen zehn Jahren konnte allein der FC Chelsea (die Bayern-Fans werden sich nicht gern daran erinnern) den wertvollsten Klubtitel erringen. Eine magere Bilanz für die – so behaupten viele – stärkste Liga der Welt. So gesehen war es sogar überfällig, dass sich die Premier League an die Spitze des europäischen Fußballs setzte.
Und dennoch: Man hatte nicht das Gefühl, dass in diesen bewegenden Partien das große Geld siegte. Es waren nicht die abermillionenschweren Einzelspieler, die die Aufholjagden mit einer furiosen Mischung aus Dynamik und Kampfeseifer befeuerten. Vielmehr entsprangen die beiden Spektakel kollektiver Leidenschaft. So wie sich das die Fans erträumen. Ob eine dauerhafte Machtübernahme des englischen Fußballs tatsächlich wünschenswert ist, darf dennoch bezweifelt werden.
Armin.Gibis@ovb.net