München – Das mit dem Vornamen hat Joshua Kimmich abgehakt. Damals, nachdem er 2015 von RB Leipzig zum FC Bayern gewechselt war, hatte er oft erklärt, zuerst geduldig, irgendwann genervt, dass es „Josua“ heißt und nicht „Joschua“. Mittlerweile scheint es dem Münchner egal zu sein, dass dies noch immer nicht alle wissen. Dabei ist es ziemlich erstaunlich. Immerhin gibt es keinen deutschen Spieler, der aufgrund seiner Einsatzzeiten so präsent ist wie Kimmich.
Wenn die Bayern am Samstag bei RB Leipzig versuchen, den ersten Matchball zu verwandeln, mit einem Sieg die siebte Meisterschaft in Serie bereits am 33. Spieltag zu sichern, bestreitet der Außenverteidiger seine 45. Partie für die Münchner in dieser Saison, 44 davon über die gesamten 90 bzw. einmal 120 Minuten. Nur eine Begegnung verpasste Kimmich, im Rückspiel im Achtelfinale der Champions League gegen Liverpool war er gesperrt.
Bei dieser Statistik, sagte er kürzlich in der „Welt“, werde ihm bewusst, „welch große Verantwortung ich für die Mannschaft habe“. Auch und vor allem in der Endphase dieser Saison, in der es in zwei Wochen gleich noch einmal gegen seine ehemaligen Teamkollegen von RB geht, dann im Pokalfinale in Berlin. Sehr viel hat jene Mannschaft der Sachsen, in der Kimmich einst spielte, nichts mehr zu tun mit der aktuellen. Allerdings waren in Yussuf Poulsen und Emil Forsberg bereits zwei Spieler in der zweiten Liga dabei, die auch heute noch zu den Leistungsträgern gehören – und vom früheren Mitstreiter explizit hervorgehoben werden. Mit den schnellen Poulsen und Werner „suchen sie immer die Tiefe“, sagte Kimmich. Und in Forsberg, hätte Leipzig ohnehin, „einen alles überragenden Spieler“, der „ein bisschen der Kopf der Mannschaft“ sei.
Kimmich ist beim FC Bayern einer von mehreren Köpfen, so weit hat er es in den fast vier Jahren in München gebracht: Gereift vom Backup für Philipp Lahm zum Mr. Unverzichtbar. Es wäre keine Überraschung, würde er irgendwann auch das Kapitänsamt bei Bayern übernehmen, und damit auch in dieser Rolle Lahm beerben. Kimich hat seinen Vertrag in München erst kürzlich bis 2023 verlängert. „Ich sehe eine gute Zukunft für mich hier“, sagte er.
Mit zwölf Assists ist er der beste Torvorbereiter der Münchner – und das als Abwehrspieler. Damit wären wir auch bei jenen Dingen, die Kimmich noch verbessern kann. Sein Offensivdrang geht manchmal zu Lasten der Defensivarbeit. Er bietet dem Gegner gelegentlich zu viel Raum auf seiner rechten Seite.
Vielleicht liegt es an der Polyvalenz des 24-Jährigen. „Er kann eigentlich auf jeder Position spielen“, hatte schon der frühere Bayern-Trainer Carlo Ancelotti erkannt – und die rechte Abwehrseite ist wohl nicht die allerliebste von Kimmich, weshalb er gerne ausbüchst. Nach vorne oder in die Mitte.
Kimmich, Schlüsselspieler beim Umbruch der Bayern, setzt aber nicht nur spielerische Akzente, sondern immer mehr auch als Wortführer und Antreiber. Es ist kein Zufall, dass es oft er ist, der deutlich wird. Egal, ob im Disput mit dem Schiedsrichter auf dem Platz oder hinterher bei der Analyse. Zuletzt klagte er an, dass der FC Bayern in dieser Saison „in sehr vielen Spielen zu wenig für unsere Ansprüche“ gezeigt habe. Man kann dies als Kritik an der Gesamtausrichtung sehen, muss es aber nicht. Kimmich weiß auch bei seinen Worten, worauf es ankommt.