Jos Verstappen, wer von Ihnen ist der bessere Rennfahrer? Sie oder Max?
Jos Verstappen: Also wenn ich das sein sollte, ist das kein gutes Zeichen. Was soll ein Vater sagen? Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Max der Bessere ist.
Max Verstappen, wie fühlt sich das an, wenn der Vater das sagt?
Max Verstappen: Das ist natürlich sehr schön zu hören, denn das war auch der Plan (lacht). Die Leistung muss von mir kommen, aber mein Vater hat mir geholfen und viel in meine Karriere investiert.
Hätte es Ihnen zu Ihrer aktiven Motorsportzeit geholfen, wenn Sie einen Vater gehabt hätten, wie Sie es jetzt für Max sind?
Jos: Ich glaube schon, dass das geholfen hätte. Ich kam zur Formel 1 und ich wusste eigentlich gar nichts. Ich musste alles selber herausfinden. Mit Max habe ich schon immer viel über Motorsport gesprochen, wir waren viel unterwegs und er wurde immer begleitet Seine Vorbereitung war einfach viel besser.
Wie alt waren Sie, als Sie anfingen, sich für die Karriere Ihres Vaters zu interessieren?
Max: Ich glaube, ich war so fünf oder sechs Jahre alt. Da habe ich selbst angefahren Gokart zu fahren.
Wie kam es eigentlich dazu? Haben Sie Ihren Vater gezwungen, Ihnen ein Kart zu kaufen?
Max: Ich kannte einen Jungen, der war damals drei Jahre alt und hatte ein Kart. Und ich war schon vier Jahre alt. Ich habe zu meinem Vater gesagt, dass ich auch anfangen möchte, Kart zu fahren. Aber er sagte, ich soll warten, bis ich sechs Jahre alt bin. Ich habe dann viel geweint und am Ende hat meine Mutter zu meinem Vater gesagt, er muss ein Gokart kaufen.
Sie haben also schon früh gewusst, wie man sich durchsetzt?
Max: Ja, genau.
Jos: Das können die Kinder gut. Er wusste ganz genau, wie er etwas bekommt. Und ich wusste, wie viel Zeit man für den Kart-Sport braucht. Mit zwei Jahren hatte Max einen Elektrojeep bekommen und ist damit rumgefahren. Und als er ein bisschen älter wurde, bekam er ein Quad. Wenn er damit zu schnell war, habe ich das Kabel hinten rausgezogen. Mit sechs Jahren wurde es dann etwas professioneller und er ist Rennen gefahren.
Gab es einen Moment, in dem Sie wussten, dass aus Max ein guter Rennfahrer werden kann?
Jos: Ja, als er ungefähr sechs Jahre alt war. Da fuhr er Mini-Kart und hat immer gegen die älteren Kinder im Alter von neun und zehn Jahren gewonnen. Wenn man so jung ist, dauert das normalerweise eine Weile. Da konnte man schon sehen, wie gut Max fährt, wie er sich zum Überholen positioniert. Er war viel weiter als die anderen Kinder.
Max, wann haben Sie gewusst, dass Sie das Zeug zum Formel-1-Fahrer haben?
Max: Das ist schwierig zu sagen. Im Gokart konnte ich natürlich sehen, dass ich schnell bin. Aber ein Gokart ist kein Formel-Auto. Als ich anfing, internationale Rennen zu fahren, hat alles gut funktioniert und ich habe gute Resultate geholt. Mit neun oder zehn Jahren wusste ich, dass ich zur Formel 1 will.
Für viele Kinder ist es ein Traum, Formel-1-Rennfahrer zu werden. Hilft es, wenn der eigene Vater Formel 1 gefahren ist?
Max: Ja, ich glaube schon. Ich bin zwar ein Holländer und dann ist das natürlich nicht so ganz einfach, aber am Ende ist das egal. Wenn du am Ende schnell bist, geht alles.
Hat es geholfen, dass Ihr Vater Formel-1-Rennfahrer war, oder war der Druck dadurch größer?
Max: Ich habe nicht so viel Druck gefühlt. Mein Vater hat viele Erfahrungen, die mir geholfen haben.
War Jos ein strenger Vater?
Max: Ja, aber das war gut. Das hat mich hierhergebracht.
Was haben Sie zu Max gesagt, wenn er mal nicht gesiegt hat?
Jos: Wenn er gut gefahren ist und Zweiter wurde, war ich auch zufrieden. Aber ich wollte von ihm immer 100 Prozent Einsatz haben.
Neben dem Rennsport kam die Schule aber nicht zu kurz?
Jos: Als er 16 Jahre alt war, ist er auf eine Internetschule gegangen, weil er so viel unterwegs war.
Max: Aber das ist natürlich ganz schön schwierig. Als ich dann in der Formel 1 freitags gefahren bin, war das schwierig zu kombinieren.
Jos, wie viele Ratschläge geben Sie Ihrem Sohn heute noch?
Jos: Immer weniger. Er versteht immer mehr, wie Rennsport funktioniert. Am Ende muss er es so machen, wie er es selber sieht. Er muss nicht meine Kopie werden. Er muss er selbst bleiben.
Würde es Sie reizen, einen Formel-1-Wagen von heute noch einmal zu fahren?
Jos: In der Beschleunigung sind die schon schnell. Ich muss sagen, ich bin zufrieden, dass Max fährt. Für mich ist das spannender.
Es wird immer wieder darüber diskutiert, dass die Formel 1 nicht mehr so gut ist wie früher. Sehen Sie das auch so?
Max: Es war doch immer so, dass ein Team dominiert hat. Ferrari hat dominiert, Red Bull hat dominiert und Mercedes dominiert jetzt.
Jos: Die Technik geht immer weiter und weiter. Die Teams operieren und das Auto ist sehr eindrucksvoll. Die Rennen sind nicht schlecht – nur Mercedes ist gerade sehr schnell. Aber so ist das oft in der Formel 1 gewesen. Aber die Fans vermissen den Lärm.
Hätten Sie auch gerne mehr Lärm?
Max: Ja, aber wenn du im Auto sitzt, dann ist es so, wie es jetzt ist, besser.
Jos: Wenn früher ein Formel-1-Auto an einem vorbeigefahren ist, stellten sich die Haare auf den Armen auf. Das ist heute nicht mehr so.
Glauben Sie daran, dass Max eines Tages Weltmeister wird?
Jos: Ja, da glaube ich dran. Ich weiß, wie gut er ist. Wenn er zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Auto sitzt, dann wird er das machen.
Hat es ein junger Nachwuchspilot wie Mick Schumacher schwerer?
Jos: Er vermisst natürlich seinen Vater, der viel Erfahrung hat. Jetzt unterstützt ihn Peter Kaiser. Ich glaube, Mick ist jemand, der mehr Zeit braucht, um gute Resultate hinzukriegen. Ich habe ihn ein bisschen beobachtet und glaube schon, dass er Auto fahren kann. Mit dem Namen Schumacher ist es eine andere Situation.
Haben Sie manchmal Angst um Max?
Jos: Natürlich, die habe ich manchmal. Daran sieht man dann, wie schnell das mit einem Formel-1-Auto geht. Wenn du selber fährst, dann denkst du nicht daran. Aber als Vater, wenn dein Junge mitfährt, dann hofft man, das nichts passiert.
Interview: Ralf Bach