Hannover – Am Tiefpunkt seiner Trainerlaufbahn wahrte Thomas Doll die Fassung. Der sechste Bundesliga-Abstieg von Hannover 96, es war der erste in der Karriere des Coaches, hatte gerade Gestalt angenommen, da raffte sich Doll auf, trottete auf den Rasen und drückte jeden seiner Spieler fest an sich. Die minutenlangen Ovationen der Zuschauer verfolgte der Ex-Nationalspieler mit melancholischem Blick.
„Es ist fantastisch, wie die Fans reagiert haben“, sagte Doll hinterher mit leiser Stimme, „aber es ist ein ganz trauriger Moment. Wir sind runter und das tut echt weh.“ Nach der besten Saisonleistung seines Teams, aus der ein am Ende wertloses 3:0 durch die Tore von Waldemar Anton, Ihlas Bebou und Walace gegen den SC Freiburg resultierte, wirkte der 53-Jährige erstaunlich aufgeräumt – und es machte sich ein Gefühl von Abschied in den Katakomben der Arena in Hannover breit. Abschied von der Bundesliga, aber auchvon Doll, der beim Neuanfang wohl keine Rolle mehr spielt.
„Wir haben besprochen, dass wir uns nach der Saison zusammensetzen und kritisch und selbstkritisch die Gesamtsaison und die Phase seiner Verantwortung analysieren“, sagte 96-Geschäftsführer Martin Kind bei Sky. Doll selbst gab sich keinen Illusionen hin. „Wir wissen alle, dass man nicht so viele Argumente hat, wenn man wenig Punkte holt und am Ende absteigt.“ Nach dem Spiel hatte der Coach sein Team noch auf dem Feld zusammengetrommelt. „Ich habe mich bedankt dafür, was sie nicht nur heute, sondern in den letzten Wochen abgeliefert haben“, sagte Doll.
Verdient ist der Abstieg trotz des zarten Aufwärtstrends mit zuletzt zwei Heimsiegen allemal: Seit dem 15. Spieltag steht 96 auf einem der beiden direkten Abstiegsplätze. In den 18 Spielen seitdem gelangen nur elf Zähler. Auch mit Doll, der im Januar Andre Breitenreiter abgelöst hatte, glückte die Kehrtwende nicht – die Rettungsmission ging mit nur drei Siegen aus 14 Spielen schief.
Sein Team sei auf die Saison gesehen „zu spät wach geworden“ und hätte „auch das nötige Glück nicht gehabt“, sagte Hannovers Torhüter Michael Esser. Stürmer Hendrik Weydandt meinte: „Es ist an Ironie kaum zu übertreffen. Wir machen das beste Saisonspiel und am gleichen Tag steigen wir ab.“ Selbst bei einem Sieg am kommenden Wochenende in Düsseldorf steht fest: Hannover muss nach 1974, 1976, 1986, 1989 und 2016 erneut den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten.
Die Baustellen sind vor dem Neustart im Unterhaus groß. Ein neuer Sportchef ist nach dem Rauswurf von Horst Heldt nicht in Sicht, das künftige Gesicht der Mannschaft noch völlig unklar, von der Trainerfrage ganz zu Schweigen. „Es werden viele, viele Veränderungen stattfinden“, sagte Doll. Er selbst sei „in diesem Moment wirklich der Unwichtigste von allen“. sid