So hatte man sich den DFB schon immer gewünscht: Transparent, bescheiden, bodenständig, glaubwürdig, demokratisch, um Chancengleichheit und das Wohl seiner 25 000 Amateurvereine bemüht. Alles Werte und Anliegen, die eigentlich selbstverständlich sind. Und dennoch klingen entsprechende Forderungen wie eine Kampfansage. Formuliert worden sind sie dieser Tage von einer Frau. Ute Groth. Chefin eines Amateurvereins. Idealistin. Und ganz offensichtlich eine große, unerschrockene Kämpferin.
Die Düsseldorferin hat es tatsächlich gewagt, sich als erste Frau um das Amt des DFB-Präsidenten zu bewerben. Ein im Grunde aussichtsloses Unterfangen. In dem von Männern nahezu hegemonial beherrschten Verband ist Ute Groth höchstens eine Außenseiterin. Richtige Chancen für eine Wahl gibt sie sich nicht einmal selbst. Und doch ist die 60-Jährige ein Hoffnungsanker. Denn der mutige Vorstoß der bislang Unbekannten weckte die leise Zuversicht, dass sich der größte Sportverband der Welt einer überfälligen kritischen Diskussion stellt.
Allein schon das Scheitern der Präsidenten Grindel, Niersbach und Zwanziger offenbarte die tiefe Krise der DFB-Funktionärsriege. Mit ihr einher ging eine wachsende Unzufriedenheit der Basis. Die hemmungslose Kommerzialisierung des Fußballs, die einseitige Hinwendung zu den Proficlubs stifteten Frust und Enttäuschung. Die Amateure fühlten sich im Stich gelassen, mehr und mehr verdichtete sich das sehr ungute Gefühl, es zählten nicht mehr die Kernwerte der Sportbegeisterung, sondern vor allem die Rendite.
Ute Groth brandmarkt nun das Erscheinungsbild des DFB als „grottenschlecht“, prangert die Bereicherung im Ehrenamt an, beklagt die immer weiter auseinanderdriftende Zweiklassengesellschaft im Profibereich, verlangt eine Abkehr von der „Glitzerwelt“ des Milliarden-Geschäfts Fußballs. Für den nur als bedingt reformierbar und einsichtsfähig geltenden DFB sind das geradezu revolutionäre Ansichten.
Dabei hat Ute Groth in ihrem Wahlprogramm nur das ausgesprochen, was inzwischen viele denken. Das Präsidentenamt wird sie nach Lage der Dinge damit zwar nicht erobern können. Aber vielleicht gelingt es ihr, dass ihre Kritik endlich auch vom DFB-Establishment ernst genommen wird. Das wäre schon ein großer Fortschritt.
Armin.Gibis@ovb.net