Das Jahr der Trainer-Geschichten

von Redaktion

2018/19 kam vieles wie erwartet, aber über Umwege – 2019/20: Sexyness aus Österreich

VON GÜNTER KLEIN

München – Reisen wir zurück in die frühen Tage dieser Saison, zwischen abgeschlossener Vorbereitung und erstem Punktspiel. Zeit der Stadionfeste, der frohen Erwartung, man ist eher ent- als angespannt. Auf Schalke ergriff Christian Heidel, Sportvorstand/Manager beim Vizemeister, das Mikrofon. Er sprach zu den Fans. Zuerst die schlechte Nachricht: „Ich muss leider sagen, dass Domenico Tedesco seinen Vertrag, der bis 2019 lief, vorgestern aufgelöst hat.“ Kunstpause: „Und einen neuen bis 2022 unterschrieben.“ Yeah, Popkonzertjubel.

Wie die Geschichte weiterging, wissen wir. Tedesco begann zu verlieren. Erst die Spiele, dann das Vertrauen von Spielern, Fans, Verantwortlichen – und schließlich den Job. Christian Heidel, der smarte Conferencier vom August 2018, der als Befrieder des Vereins gegolten hatte, war noch schneller weg.

Schalke 04 – der Absteiger der Saison. Auch ohne formal abgestiegen zu sein. Aber mit Platz 14 nach zwei hat er die Prognosen durcheinandergebracht. Vize-Versager: der VfB Stuttgart. 2017/18 Rückrunden-Star, 2018/19 noch glücklich, sich in die Relegation gerettet zu haben.

Ansonsten haben die Tipps weitgehend gestimmt: Bayern Meister, aber mühevoller, weil ihnen die Dortmunder unter Lucien Favre zusetzten. Leipzig gefestigt – trat auch ein. Leverkusen talentiert und auf den internationalen Plätzen – richtig. Mönchengladbach Nutznießer der Konstellation, dass es sich auf die Bundesliga konzentrieren kann – ein typischer Fünfter. Unten bestätigte sich die Erwartung, dass es für Nürnberg und Hannover schwer werden würde. Negativvorhersagen widerlegt haben Fortuna Düsseldorf (Kader zu schlecht, Trainer von gestern) und Eintracht Frankfurt (Überlastung durch lästige Europa League, zu schweres Erbe für den neuen Trainer) – sie grüßen aus dem gesicherten Mittelfeld und von Platz sieben.

Doch auch wenn vieles eintrat wie erwartet – zwischendurch sah es anders aus. Wir erlebten Dramen.

Dortmund: In der Vorrunde ein lachender Lucien Favre, der neun Punkte Vorsprung auf Bayern herausspielte und in die Startaufstellung bewusst Fehler einbaute, um etwas zu haben, dass er in der zweiten Halbzeit verbessern kann. In der Rückrunde der BVB einige Zeit ohne Marco Reus, dafür mit aufkommenden Zweifeln. Favre genervt und wieder so zaudernd wie in früheren Jahren, die sein ehemaliger Vorgesetzter (bei Hertha BSC) Dieter Hoeneß so beschrieb: „Favre würde im Supermarkt verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden kann.“ Dortmund hatte letztlich drei Punkte zu wenig, nun kann Favre rätseln, ob es die vom 1:2 in Augsburg oder 2:4 gegen Schalke sind, die fehlen.

Gladbach: Siegesserie 2018, Vertragsverlängerung für Dieter Hecking, weil der sich als Trainer neu erfunden hatte. Rückrundenerkenntnis: Hecking steht doch für Stagnation, Vertrag wird besser aufgelöst.

Oder Leverkusen: Mit Heiko Herrlich nicht aussichtslos (Neunter, sieben Punkte hinter Champions-League-Platz), holt dennoch lieber Peter Bosz, den man seit seinem knappen halben Jahr in Dortmund (2017) für nicht mehr vermittelbar hielt. Und voilá: Boszs wilder Dortmund-Fußball führt Bayer (nur ein Unentschieden in 17 Partien) auf den vierten Platz.

International wird 2019/20 auch der VfL Wolfsburg spielen. Endlich wieder mal. Und endlich auch eine Stadt, in der die Fans den schönen Trainer Labbadia nicht leiden sehen wollen und darum auch nie „Bruno raus“ rufen. Labbadia verträgt sich aber nicht mit Manager Jörg Schmadtke. Darum die Trennung trotz des Erfolgs.

Egal: Labbadia wird auf dem Trainerkarussell bleiben – andere hat es wegen wiederholten Misserfolgs wohl für immer abgeworfen: Tayfun Korkut, Markus Weinzierl (beide beim VfB gefeuert). Michael Köllner (Nürnberg) wird man auch nicht mehr sehen. Thomas Doll (kam in Hannover für Andre Breitenreiter): Bot nur Ego-Show („Dafür bin ich nicht zu 96 gekommen“).

Wie muss ein Trainer sein? 2017/18 hatte mit dem Heynckes-Comeback bereits eine Abkehr vom Jugendstil/Jugendwahn eingeleitet. Trainerstars 2018/19 waren die älteren Semester. Friedhelm Funkel, der seinen Spielern Werte vermittelt („Brauchst du Schuhe, die über 1000 Euro kosten?“) oder, wie er gerade im „Spiegel“-Interview erzählte, dem mit dem Laptop und den Belastungsdaten anrückenden Athletiktrainer sagt: „Ach komm, lass mal. Kein Trainer trainiert Spieler kaputt – auch Felix Magath nicht.“ Der wurde auf zahlreichen Tribünen gesichtet, aber nirgendwo angestellt.

Ralf Rangnick gehört auch zur Generation 60plus, gibt sich aber energydrinkjung. Tolle Trainerleistung, die er vollbrachte: Obwohl nur Übergangslösung (Lame-Duck-Verdacht), geleitete er Leipzig auf Platz drei. Rasenballsport wurde sogar zum defensivstärksten Team, traditionell ein FC-Bayern-Titel.

Womöglich bekommt Rangnick Lust, wieder dauerhaft Trainer zu sein. Vorerst regiert er in Leipzig als Sportdirektor, den Trainer-Nachfolger hat er sich in Julian Nagelsmann selbst ausgesucht. Das immer noch junge Superhirn Nagelsmann (31) hätte man vor vier Wochen noch in den höchsten Tönen loben können. Obwohl der Abschied längst klar war, lag sein 1899 Hoffenheim auf Kurs Europa League, wieder hatte Nagelsmann Stürmer geformt, die aufscorten (Belfodil, Joelinton). Aus den letzten vier Spielen holte seine TSG noch einen Punkt, rutschte ab auf Rang neun. Mittelmaß. Und Offensivspieler Andrej Kramaric kritisierte: Der Trainer überfrachte das Team mit ständigen Taktikwechseln.

Ähnliches hatte man schon in Augsburg vernommen, Manuel Baum betreffend. Der erste Innenverteidiger, der diese Verwirrung monierte („Wir wissen nicht, was gerade die Taktik war“), Martin Hinteregger, wurde suspendiert (nach Frankfurt verliehen und dort zur Kultfigur). Als der zweite, Jeff Gouweleeuw, sich ebenso äußerte, erkannte der FCA, dass Coach und Team in die Kommunikations-Sackgasse geraten waren. Er holte Martin Schmidt, den Schweizer mit klarer Ansprache. Sein Saisonausklang: 1:8 in Wolfsburg. Da muss auch was unklar gewesen sein.

Mund abputzen, Augsburg hofft mit Schmidt auf eine bessere Zukunft 19/20. Es kommen wieder neue Trainer in die Liga. Sexyness aus Österreich: Marco Rose (von Salzburg nach Gladbach), Oliver Glasner (von Linz nach Wolfsburg). Und aus England (Huddersfield) David Wagner (zu Schalke). Er war Trauzeuge von Jürgen Klopp und sieht kloppomäßig aus.

Kennenlernen werden diese Trainerzugänge den Aufreger VAR, den es in ihren bisherigen Ligen noch nicht gab. Und sie werden einsteigen in die Handspiel-Diskussionen, die in Deutschland lauter sind als irgendwo sonst auf der Welt.

Wie Lucien Favre zur Handauslegung sagte: „Der größte Skandal im Fußball.“ Kleiner geht’s nicht.

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