Tokio-Effekt im Olympiastadion

von Redaktion

Beim Boulder-Weltcup in München zeigt sich, wie das Niveau in der Kletterspitze gestiegen ist

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – An der Wand im Olympiastadion krallt sich der Tscheche Adam Ondra an einem schwarzen Stein fest, der so klein ist, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um ihn überhaupt zu entdecken. Er presst den linken Daumen gegen ihn, tastet sich mit der rechten Hand vor, balanciert mit seinem rechten Fuß auf einem zweiten Stein, dann springt er ab. Die Zuschauer im Stadion, fast 4000 sind es, brüllen, Ondra hält sich wieder fest, jetzt an einem schwarzen Griff, der schon deutlich größer ist, aber eben auch fast vier Meter über dem Boden hängt. Er drückt die Beine, die gerade noch durch die Luft baumelten, wieder gegen die Wand, greift nach dem nächsten schwarzen Stein, dem letzten, erst mit links, dann mit rechts, dann lacht er. Er lässt sich auf die Matte plumpsen, fällt hin, steht auf, hüpft, rudert mit den Armen, lacht. Es kommt selten vor, dass der berühmteste Kletterer der Welt sich so freut – obwohl es doch erst das Halbfinale ist.

Es ist Sonntagnachmittag, Entscheidungstag beim Boulder-Weltcup in München. Unter dem Dach des Olympiastadions drängeln sich schon früh die Kletterfans vor die Bühne mit der Wand. So viele wie hier kommen sonst fast nirgendwo auf der Welt. Am Samstag, als die Männer um 8 Uhr morgens ihre Qualifikation kletterten, waren Hunderte da. „Eine Quali hier“, sagt Urs Stöcker, der Bundestrainer, „ist vergleichbar mit der Finalstimmung in China oder in Moskau.“ Der Weltverband veranstaltete das Weltcup-Finale im Bouldern daher auch gerne in München – bis vor einem Jahr.

Es hat sich zuletzt aber viel verändert in der Kletterszene, seit das IOC vor drei Jahren beschlossen hat, dass der Sport 2020 in Tokio erstmals zum olympischen Programm gehört. Man sieht das an dem Terminkalender, der später in diesem Jahr, wo eigentlich der Wettkampf in München seinen Platz hatte, noch eine WM und ein Quali-Event für Olympia vorsieht. Man sieht das auch an den großen TV-Kameras, die im Olympiastadion aufgebaut sind und die Live-Bilder in die Welt senden, unter anderem nach Japan. Und man sieht es eben an Adam Ondra, 26, der sich schon über einen kleinen Erfolg im Halbfinale so sehr freut.

Ondra – ein 1,85 Meter großer Schlacks mit dunklen Locken und Armen wie Beinen so lang, dass sie sich vermutlich auch locken könnten – ist schon ganz andere Wände hochgekraxelt. An Naturfelsen klettert er derart knifflige Routen, dass man für ihn einen neuen Schwierigkeitsgrad einführen musste.

Jetzt will Ondra, der Popstar der Szene, auch noch Olympiasieger werden und legt seinen Fokus wieder aufs Bouldern, weil das zusammen mit dem Lead- und dem Speedklettern den neuen olympischen Dreikampf bildet. Dreimal trat er in diesem Jahr im Boulder-Weltcup an – einmal wurde er Erster, einmal Zweiter, einmal nur Vierzehnter. Das letzte Ergebnis belegt den Tokio-Effekt. Durch den olympischen Anreiz ist das Niveau so gestiegen, dass selbst Ondra an einem mittelmäßigen Tag nicht ganz vorne mithalten kann.

In München erwischt er eigentlich einen perfekten Tag. Im Halbfinale schafft er alle vier Routen, im Finale die ersten drei – manchmal sieht es fast so aus, als würde er die Wand hochtanzen, so elegant klettert er.

An der letzten Route scheitert Ondra dann aber. Er versucht es viermal, stürzt jedes Mal ab, schafft es auch nicht zum Zwischenbonus, den es auf jeder Strecke gibt – weshalb ihn in der Gesamtwertung tatsächlich noch Jakob Schubert aus Österreich überholt. Ondra wird Zweiter, vor Jan Hojer, dem einzigen Deutschen im Finale (Alex Megos verpasste das Finale der besten Sechs als Zehnter knapp). Als Ondra am Sonntagabend das letzte Mal von der Wand fällt, verbeugt er sich danach vor dem Publikum, das ihn ganz besonders feiert. Bis Tokio, das weiß er, muss auch er sich noch steigern. Denn seine große Rivalen im Bouldern, die Japaner Tomoa Narasaki und Kokoro Fujii, waren in München gar nicht erst angetreten.

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