München – Andere planen ihre Zukunft, die Löwen verwalten ihren Stillstand. Der Streit der beiden Gesellschafter lähmt den TSV 1860, frustriert die Fans und auch den Trainer. Doch wie sieht es beim Sportchef aus? Hat Günther Gorenzel, 47, noch Hoffnung, einen konkurrenzfähigen Drittligakader auf die Beine stellen zu können? Darüber und über die drängenden Probleme sprachen wir mit dem Österreicher.
Herr Gorenzel, Teile der Mannschaft sind nach dem letzten Spiel nach Mallorca geflogen, Trainer Daniel Bierofka denkt über seinen Schrumpfkader und die eigene Zukunft nach. Was macht der Sportchef, dem ja finanziell die Hände gebunden sind?
Momentan gibt es viele Dinge abzuarbeiten. Der Etat ist klar vorgegeben. Jetzt gilt es, in den nächsten Tagen Entscheidungen zu treffen.
Vor zwei Wochen sagten Sie: „Wir haben weder Handlungsspielraum für Neuverpflichtungen noch für Vertragsverlängerungen.“ Gilt das noch immer?
Das gilt noch immer. Wir haben für die Lizenzierung bestimmte Zahlen eingereicht, und meine Aufgabe ist jetzt, einen Personal- und Kaderetat herbeizuführen, mit dem wir diese Zahlen einhalten.
Der Profi-Etat für die zurückliegende Saison betrug 4,5 Millionen Euro, allerdings wurden 600 000 Euro nicht ausgeschöpft, weil Grimaldi im Winter verkauft wurde und Moll seit Februar verletzt ist. Kann man diese Summe nicht einfach auf den künftigen Etat von 3 Millionen draufschlagen?
All diese Dinge wurden bereits reingerechnet und spielen bei der Lösungsfindung keine Rolle. Mir ist auch wichtig zu betonen, dass ich erst seit Februar in der Geschäftsführung sitze. Das heißt: Alle Entscheidung bis dahin habe ich rein sportlich getroffen. Seit Februar trage ich auch eine wirtschaftliche Verantwortung, welche in meine sportlichen Entscheidungen einfließen muss.
Daniel Bierofka hat den Kader für neue Saison so skizziert: Zwei Torhüter, 14 einsatzfähige Profis, drei Langzeitverletzte und ein paar Talente. Ist das nicht zu wenig, um eine Saison seriös anzugehen?
Die Kadersituation ist sehr, sehr schwer – bedingt auch durch die Bestandsverträge und die Langzeitverletzten. Wir müssen auf jeden Fall versuchen, das bis zum Saisonstart zu korrigieren. Aber wie gesagt: Noch ist der Handlungsspielraum nicht gegeben. Noch arbeite ich daran, die Planzahlen einzuhalten. Daher bin ich auch angehalten, Spieler zu verkaufen.
Leon Klassen gilt als wahrscheinlichster Verkaufskandidat. Würde dieser eine Transfer reichen?
Generell ist es so, dass es sich 97 Prozent der deutschen Vereine nicht leisten können, eingehendende Angebote zu ignorieren. Deswegen sind auch wir in alle Richtungen gesprächsbereit. Momentan sind Anfragen für junge Spieler da – und für Leistungsträger. Zusammen mit dem Trainer stehe ich vor der Aufgabe zu überlegen: Welchen Spieler verkaufen wir? Es wäre wahrscheinlich grob verantwortungslos, einen weiteren gestandenen Spieler zu verkaufen, nachdem eh schon zwei Leistungsträger verletzt sind (Stefan Lex und Moll/ Red.). Die Tendenz geht eher dahin, einen jungen Nachwuchsspieler zu verkaufen, was mir perspektivisch und sportlich aber unheimlich wehtun würde.
Mit anderen Worten: Die sogenannten Unterschied-Spieler, die noch da sind, müssen gehalten werden, um nicht die Konkurrenzfähigkeit zu gefährden.
Das ist mein Ziel. Ob es wirtschaftlich umsetzbar ist, wird man in den nächsten Wochen sehen.
Konkrete Angebote sollen für Nico Karger und Efkan Bekiroglu vorliegen.
Namen werde ich nicht kommentieren. Wie gesagt: Wir haben für mehrere Spieler Anfragen vorliegen. Mit diesen Anfragen beschäftige ich mich und werde auch in Kürze die ersten Entscheidungen treffen. Ich bin mir aber mit dem Trainer einig, dass es sportlich überlebenswichtig ist, die Leistungsträger zusammenzuhalten.
Nach Informationen unserer Zeitung fand am Donnerstagabend ein Treffen der Sportlichen Leitung mit Saki Stimoniaris statt, dem Statthalter und Sprecher von Hasan Ismaik. War das zielführend?
Momentan habe ich täglich Treffen mit Gremien. Daher werde ich keines der Treffen kommentieren.
Eine weitere Baustelle neben dem Kader könnte in Kürze auf Sie zukommen, nämlich auf der Trainerposition. Bierofka macht kein Geheimnis aus seinem Frust und geht ganz offen mit seinen Abschiedsgedanken um. Sorgt Sie das?
Ich kann jeden verstehen, der sich in unserer momentanen Situation Gedanken über seine Zukunft macht. Umso mehr ist es meine Aufgabe, Stabilität auszustrahlen.
Wie schwer wöge ein Abschied des Trainers?
Daniel Bierofka ist unbestritten die Identifikationsfigur Nummer eins bei 1860. Meine Aufgabe ist es, auch für den Fall vorbereitet zu sein, dass uns der Trainer mal abhandenkommen könnte. So intensiv möchte ich mich damit aber gar nicht beschäftigen, denn Daniel Bierofka wäre ein sehr großer Verlust.
Als zweiter Innenverteidiger des Profikaders ist Marco Raimondo-Metzger eingeplant, ein Spieler aus der U 21, der bereit wäre, auf 450-Euro-Basis auszuhelfen. Sind solche Verträge nicht ein Armutszeugnis für einen Verein wie 1860?
Meine Aufgabe ist es, sich unter wirtschaftlichen Voraussetzungen Gedanken zu machen, was sportlich umsetzbar ist – und dazu gehören auch solche Lösungen.
Naheliegend wäre, auch Jan Mauersberger noch mal in die Abwehr zu stellen. Der ist 34, besitzt einen Anschlussvertrag im Marketing, hat aber noch Lust auf Fußball . . .
Auch dafür haben wir keinen Handlungsspielraum. Ich kann Jan Mauersberger keinen Vertrag anbieten, nicht mal einen abgespeckten. Und mit seinem Marketingvertrag kann er leider nicht spielen, denn das sind verschiedene Geschäftsbereiche, die man nicht vermischen sollte.
Sportlich dürfte Simon Lorenz am meisten fehlen, er war als Leihspieler eine unumstrittene Stütze. Wäre er der erste Kandidat, mit dem Sie noch mal sprechen würden, falls sich noch irgendwo Gelder auftreiben lassen?
Ich habe mich schon in den letzten Monaten intensiv um Simon Lorenz bemüht – losgelöst von unserer finanziellen Situation. Ich habe ihm und seinem Berater ein deutliches Signal gegeben, aber momentan geht seine Reise ganz klar Richtung 2. Liga. Das muss man leider akzeptieren. Meine letzte Rückmeldung ist, dass er in Bochum eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch mal für uns aufläuft, ist sehr gering.
War er für Sie der Löwen-Spieler der Saison?
Einen ins Rampenlicht zu stellen, ist immer schwierig, das würde dem Rest der Mannschaft nicht gerecht. Für mich war jeder einzelne der Spieler der Saison – das habe ich am Freitag auch so in der Kabine kundgetan. Aufgrund von Sperren und Verletzungen war es am Ende so, dass gewisse Spieler noch einmal performen mussten, die monatelang kaum eine Rolle gespielt hatten. So gesehen hat jeder einen gleich großen Anteil, dass wir in der Liga geblieben sind.
Auch nächstes Jahr, das haben Sie mehrfach betont, ist der Klassenerhalt das höchste der Gefühle. Welche Perspektive hat 1860 überhaupt noch als Profiverein?
Ich sag’s mal so: Wenn ich meinen Horizont jetzt schon so weit in die Zukunft richten würde, dann würde ich den Fokus auf die wichtigen Entscheidungen der Gegenwart verlieren. Natürlich muss es unser Ziel sein, das Optimum rauszuholen. Optimum heißt aber momentan: Klassenerhalt – und nichts anderes.
Ist es für Sie eine Chance oder ein Risiko, dass übernächste Saison nur noch vier Spieler vertraglich gebunden sind?
Sowohl als auch. Sportlich ist es eine Chance, sich so auszurichten, wie es die wirtschaftliche Situation zulässt. Wirtschaftlich ist es ein Risiko, weil du Sachwerte verlierst, sprich: Transferwerte. Die meisten Spieler können uns ja dann ablösefrei verlassen.
Der Verdruss des Trainer war bereits ein Thema. Wie sieht es bei Ihnen aus: Verzweifelt man als Sportchef nicht in diesem lähmenden Spannungsfeld der beiden Gesellschafter?
Vereinspolitik werde ich nicht kommentieren. Ich stehe weder links noch rechts von irgendeinem Lager. Mir ist ganz wichtig zu betonen, dass es meine Aufgabe ist, den Profifußball bei 1860 unter den vorgegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter zu entwickeln – dafür werde ich schließlich auch bezahlt
Sie haben also noch keine Abwanderungsgedanken?
Auch ich mache mir natürlich Gedanken über die Situation. Ich sage mir aber auch: Das Schiff 1860 segelt in stürmischem Gewässer, daher muss ich alles daran setzen, dass wir in ein ruhigeres Fahrwasser kommen. Darauf konzentriere ich mich.
Interview: Uli Kellner