Kultfigur mit rotem Kapperl

von Redaktion

Niki Lauda stirbt mit 70 Jahren – die Formel 1 trauert um eine mythische Gestalt

VON JÖRG HEINRICH

München – Am 1. August 1976 endete das erste Leben des Niki Lauda. Der österreichische Formel-1-Weltmeister saß nach einem Unfall auf dem Nürburgring fast eine Minute in seinem brennenden Ferrari 312T2. Der 27-Jährige zog sich schwere Verbrennungen sowie Verätzungen der Lunge zu. Vier Tage später war klar, dass Lauda sein „Barbecue“, wie er den Feuerunfall später mit typischem Sarkasmus nannte, überleben würde.

Sechs Wochen nach dem Nürburgring begann das zweite Leben des Niki Lauda. Als er in Monza wieder in sein rotes Auto stieg, war das die Geburtsstunde der mythischen Gestalt mit dem roten Kapperl, mit dem fehlenden rechten Ohr, das er nie korrigieren ließ: „Warum? Deswegen hätte das Ohr auch nicht besser funktioniert.“ Das zweite Leben des Niki Lauda dauerte noch bemerkenswerte und turbulente 43 Jahre. Nun ist „Niki nazionale“ im Alter von 70 Jahren in der Universitätsklinik in Zürich gestorben.

„In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser geliebter Niki am Montag im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen ist“, teilten Laudas Angehörige, seine Frau Birgit, seine Ex-Frau Marlene sowie die Kinder Lukas (40), Mathias (38), Mia und Max (beide 9) in einer Stellungnahme mit. Nach einer Transplantation beider Lungenflügel im vergangenen August – eine Spätfolge des Unfalls – hatte sich Lauda nicht mehr erholt und war auch nie mehr an die Formel-1-Strecken zurückgekehrt.

„Es gibt keine Todesursache. Es war ein langer Prozess, an dessen Ende der Patient gegangen ist“, erklärte sein Wiener Arzt Prof. Dr. Walter Klepetko. Nach Informationen der „Kronenzeitung“ hatten Laudas Spendernieren – von Bruder Florian und Ehefrau Birgit – am Ende nicht mehr gearbeitet.

Seinen letzten Kampf konnte Niki Lauda nicht mehr gewinnen. Doch zuvor hatte der Muhammad Ali des Autofahrens, der Franz Beckenbauer der Rennstrecken, jeden seiner Kämpfe erfolgreich bestanden. Lauda lebte ein Leben, in dem so viel wie passierte wie in fünf oder zehn anderen Leben.

Dabei war der Bub aus Wien mit dem markanten Überbiss – der ihm als Kind die Spitznamen „Hase“ und „Eichhörnchen“ eintrug – alles andere als prädestiniert für eine Sportkarriere. Unternehmer sollte er werden, so wie Großvater Hans Lauda und Vater Ernst-Peter Lauda. „Ein Lauda hat auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen zu stehen, nicht im Sportteil“, verfügte der Großvater, der als Chef der „Veitscher Magnesitwerke“ feuerfeste Werkstoffe produzierte.

Doch Nikolaus Andreas Lauda wollte in den Sportteil: „Zu studieren oder einen normalen Job zu erlernen, war unheimlich weit weg von mir.“ Obwohl der Großvater, der „alte Lauda“, einer Bank untersagte, die Rennsport-Karriere des jungen Lauda mit einem Kredit zu fördern, kämpfte sich Niki mit Finanztricks an der Grenze zur Hochstapelei in die Formel 1. „Hat der Enzo Ferrari schon angerufen?“, war damals sein liebster Spruch. 1973 rief der „Commendatore“ dann tatsächlich an – und musste sich nach dem ersten Test von Lauda sagen lassen, dass sein heiliger Ferrari eine „Gurke“ ist.

1975 wird der Österreicher erstmals Formel-1-Weltmeister. 1976 dann die letzte Ölung im Krankenhaus in Mannheim: „Ein Mann kommt, ich verstehe, er ist Priester. Er leiert einen lateinischen Spruch runter, wie ein Urteil. An solch einer letzten Ölung kann man sterben wie an einem Schock“, erinnerte sich Lauda. Ende 1976 verliert er den WM-Titel gegen den Engländer James Hunt, weil er im Regen von Fuji/Japan freiwillig aussteigt.

1977 dann der zweite WM-Titel, 1979 der Rücktritt, „weil es für mich jetzt Wichtigeres gibt, als mit dem Auto im Kreis herumzufahren“. Nach einem Comeback 1982 und dem dritten Titel 1984 gibt es ein Jahr später nur mehr den Flugunternehmer und Geschäftsmann Niki Lauda. Er gründet mehrere Airlines – und muss 1991 „das schlimmste Ereignis seines Lebens“ verkraften, den Absturz des Lauda-Air-Flugs 004 über Thailand mit 223 Toten. In einem langwierigen Verfahren weist Lauda nach, dass die Schubumkehr der Boeing 767-300 im Flug eingesetzt hat, und dass die Lauda Air keine Schuld trifft – sein größter Sieg abseits der Rennstrecken.

Der Formel 1 bleibt Niki Lauda bis zum Schluss treu, zuletzt als Aufsichtsratschef von AMG-Mercedes und als persönlicher Betreuer von Lewis Hamilton – dem „Loisl“, wie er den exzentrischen Engländer nannte, den er selbst ins Team geholt hatte. Sein Rennstall dankte ihm gestern auf Twitter ebenso schlicht wie ergreifend mit einem roten Herz für Niki, für den Mann mit der roten Kappe.

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