München – Es war seine Sturheit, sein Wille zum Wahnsinn, der Niki Lauda zu einem der bekanntesten Sportler des Planeten machte. Durch Jochen Rindt hatte er sich in den Rennsport verliebt. Mit 18 Jahren stand deshalb für ihn fest: „Ich will Rennfahrer werden, in die Formel 1. Ich will Weltmeister werden.“
Seine Familie war dagegen. Sein Großvater, ein in Österreich bekannter Banker, schmiss ihn nicht nur aus der Wohnung, sondern spielte seine Macht bei allen Geldinstituten aus, damit keines seinen Enkel unterstützte. Doch Lauda fand mit der Raiffeisenbank doch noch einen willigen Partner, der ihm einen Kredit gab. Die Karriere konnte starten.
Lauda: „In der Formel 3 fuhren nur Wahnsinnige, es gab ständig Unfälle. Also beschloss ich, es gleich in der Formel 1 zu versuchen. Ich kaufte mich 1972 bei March und 1973 bei BRM ein. Der March war kaum fahrbar, die Saison war ein Desaster.“
Doch schon damals hatte Lauda eine große Gabe: Autos zu erfühlen und schneller zu machen. „Mein wichtigstes Organ war der Hintern. Ich spürte sofort, ob das Auto schnell war oder eine Fehlkonstruktion. Und ich wusste auch, wie man ein normales Auto schneller machen konnte.“ Trotzdem überkamen den sonst so harten Hund schon am Anfang der Saison Existenzängste. Lauda: „Ich stand da ohne Zukunft und mit einem Berg von Schulden. Auf einer Landstraße, die in England zur Fabrik führte, gab es eine 180-Grad- Kurve, die in eine Mauer mündete. Ich erwischte mich einmal bei dem Gedanken, einfach geradeaus zu fahren und ich wäre alle meine Sorgen los. Zum Glück habe ich das nicht getan.“
Nicht die Mauer an der englischen Landstraße beendete all’ seine Sorgen, sondern ausgerechnet das Rennen in Monaco, wo der Geldadel zu Hause ist und wo „Champagner gekotzt wird, nicht getrunken“, wie der schon damals zu Ironie und Sarkasmus neigende Lauda sagte. Mit seinem eigentlich nicht konkurrenzfähigen BRM fuhr er auf dem Fahrerkurs plötzlich in der Spitzengruppe, wichtiger aber war: Er lag vor den Ferraris. Enzo Ferrari, der immer in seinem abgedunkelten Haus, allein mit sich und der Welt, seinen roten Autos via Fernseher zuschaute, beschloss daraufhin, Niki Lauda für die Saison 1974 zu verpflichten.
Lauda: „Mein Cousin, der mir beim Bürokram half, hatte schon ein Jahr lang immer den Witz gemacht, dass der alte Enzo angerufen hätte, um mich bei Laune zu halten. Doch diesmal war es wirklich so.“ Lauda bat seinen Freund Helmut Marko, ihn zu den Vertragsverhandlungen nach Maranello zu begleiten. Marko erinnert sich: „Wir fuhren dann zu Enzo Ferraris Haus – und am Ende setzte er für Niki mit seinem Füller mit der berühmten violetten Tinte den Vertrag auf.“ Die Legende nahm ihren Anfang. Schon im zweiten Jahr gewann Lauda den WM-Titel – den ersten für Ferrari seit 21 Jahren. Lauda wurde von den leidenschaftlichen Italienern wie ein Heilsbringer gefeiert.
1976 führte er ebenfalls überlegen die WM an, bis das schicksalsträchtige Rennen am Nürburgring kam, der Feuerunfall – und das wundersame Comeback nach nur sechs Wochen in Monza, das Lauda auf der ganzen Welt berühmt machte. Lauda erzählte über die besonderen Ereignisse von damals bis zuletzt so, als wäre alles erst gestern geschehen. Lauda: „Das waren harte Zeiten. Die Bild-Zeitung hat damals geschrieben: ,Wie kann der Mann ohne Gesicht weiterleben?’ Ein Reporter fragte, ob die Marlene jetzt die Scheidung einreichen wird. Ich konnte nicht verstehen, wie man so pietätlos mit mir umgehen konnte. Ich war ja noch immer da und machte das Gleiche wie davor.“ Lauda weiter: Erst als ich in ,Rush’ (der Film über Lauda und seinen Rivalen James Hunt von 2013, die Red.) gesehen habe, wie Daniel Brühl (der Lauda im Film darstellt) in Monza aussieht, konnte ich die Reaktionen der Menschen nachempfinden. Ich habe mich erstmals mit den Augen der anderen gesehen.“
Doch damals, nach dem Unfall, war es Lauda noch „völlig unverständlich gewesen, dass mich alle entweder anstarrten oder mir nicht in die Augen sehen konnten. Ich stand damals in Monza unter einem irrsinnigen Druck. Mir ist das Blut vom Schädel geronnen, weil der Druck vom Helm auf die transplantierte Haut zu groß war. Bei Ferrari verdonnerte man mich zu einem fünfstündigen ,medical check’. Enzo wollte eigentlich verhindern, dass ich fahre. Seiner Ansicht nach war es besser, den Titel durch einen Unfall zu verlieren als durch ein misslungenes Comeback. Und statt den Druck auf mich zu reduzieren, haben sie noch meinen Erzfeind Carlos Reutemann als dritten Ferrari-Piloten eingesetzt, was eigentlich vertragswidrig war.“ Und es kam noch schlimmer: „In all dem Chaos habe ich mich am Freitag ins Auto gesetzt – und konnte plötzlich nicht mehr fahren. Ich hatte Todesvisionen, dass ich von einer Leitplanke durchbohrt werde, und bin gerade einmal in den zweiten Gang gekommen. Die volle Panikattacke. Ich habe mir einfach nur in die Hosen gemacht. Erst im Rennen selbst hatte ich meine Instinkte wieder zusammen.“
Laudas große Stärke war sein analytischer Verstand, der ihm ermöglichte, in entscheidenden Situationen seine Gefühle auszublenden. Lauda: „Ich habe mich in extremen Drucksituationen immer zu Rationalisierungen gezwungen. Ich habe sicherlich 20 tödliche Unfälle miterlebt. Nur so nimmst du dir die Angst und behältst dein Risikoverhalten. Ohne diese strategische Analyse kann man nicht mit 300 Stundenkilometern auf fünf Millimeter an die Leitplanke fahren, sondern maximal auf einen Meter. In Monza habe ich mich gezwungen, nicht auf meine Zeit oder die der anderen zu schauen und so zu tun, als ob gar kein Grand Prix auf dem Plan stünde. Dann habe ich mich in mein Auto gesetzt, ein bisserl ,Brummbrumm’ gemacht und mich langsam mit dem Gerät seelisch wieder vereinigt. Und dann war ich schneller als die Depperten, die nicht im Spital waren.”
Die Panikgefühle von Monza hatte Lauda danach „nie wieder – weil ich davor und danach wusste: Nicht das Auto fährt mich, sondern ich fahre das Auto. Ich bin schon angstfrei auf die Welt gekommen. In Fuji bin ich nur ausgestiegen, weil es vom Kopf her keinen Sinn machte, in dieser Sintflut zu fahren. Angst war das nicht, nur reine Vernunft. Dass ich die WM um diesen einen depperten Punkt gegen James (Hunt) verloren hatte, war mir wurscht. Weil ich zu meiner Entscheidung stand.“