Mutter wird 20

von Redaktion

1999 erlebte der FC Bayern eine unvergessliche Niederlage – sie war die Grundlage für den Triumph 2001

VON GÜNTER KLEIN

München – Die Champions League hat es 2019 in ihren Halbfinals bunt getrieben, in Liverpool, in Amsterdam. Es bestätigt sich: Spiele, die spät entschieden werden und dabei noch eine Wendung erfahren, sind die für die Kategorie „unvergesslich“. Die klar gewonnenen verblassen eher, irgendwann ist man sich des Ergebnisses nicht mehr sicher.

Am Sonntag steht wieder ein Geburtstag eines europäischen Dramatik-Klassikers an, der 20. der „Mutter aller Niederlagen“, wie man das Champions-League-Finale 1999 in Barcelona aus Sicht des FC Bayern nennt. 1:2 nicht nach Verlängerung, sondern noch in der Nachspielzeit. „90.+1“ und „90.+3“ sind nüchtern vermerkt in den UEFA-Protokollen für die Treffer zum 1:1 und 1:2 durch die eingewechselten Teddy Sheringham und Ole-Gunnar Solskjaer.

So bitter, weil die Bayern seit 23 Jahren auf den Gewinn der höchstrangigen Trophäe im europäischen Vereinsfußball warteten. Es war ja schon beachtlich, dass die Münchner im ersten Jahr unter ihrem neuen Trainer Ottmar Hitzfeld in dieses Endspiel vorgestoßen waren, denn das internationale Hochrüsten hatte da schon begonnen, vor allem Barcelona mit acht niederländischen Nationalspielern und eben Manchester United setzten die Maßstäbe. Der FC Bayern setzte auf deutsche Kräfte, an ausländische Größen kam er nicht heran. Sein bester Stürmer, der Brasilianer Giovane Elber, fiel mit einem Kreuzbandriss aus, die Besetzung des Angriffs klang mit Carsten Jancker und Alexander Zickler nicht furchterregend.

Die Bayern spielten gut, sie führten nach sechs Minuten durch einen Freistoß von Mario Basler. Wäre es beim 1:0 geblieben, hätte Basler Vereinsheiligen- und Unkündbarkeitsstatus erlangt und wäre in der Saison darauf nicht wegen Zockerei und Zoff in einer Regensburger Pizzeria gefeuert worden. Am 26. Mai 1999 wurde Basler in der 87. Minute ausgewechselt, er machte sich dann an dem Karton zu schaffen, in dem die Europacupsieger-Kappen und Shirts der Bayern bereitgehalten waren. Die Welt bekam diese Merchandising-Artikel nie zu sehen, es passierte noch was,

Mehr als 90 000 Menschen waren im Stadion Camp Nou, das unfassbar steil und beileibe nicht überall überdacht ist (aber es regnet ja auch nicht im Mai in Spanien). Einer der Zuschauer war Lennart Johansson, der Präsident der UEFA. Beim Stand von 1:0 für den FC Bayern erhob er sich von der Ehrentribüne, um den Lift nach unten auf die Spielfeldebene zu nehmen und die Deutschen zu ehren. Als er ankam, hatte Manchester United 2:1 gewonnen.

Bis heute Diskussionsthema: Warum wechselte Hitzfeld in der 80. Minute Lothar Matthäus aus? Weil der nicht mehr konnte? Oder wollte der Trainer den braven Thorsten Fink am Erfolg teilhaben lassen? Manche meinten auch, Matthäus habe sich verdrückt. Es war dann auch die Nacht der Mutmaßungen, der Theorien.

Ein Journalistenthema am Tag danach: Wie die Mannschaft mit dieser Niederlage umging. Das Bankett wurde doch noch ganz lustig, Mehmet Scholls T-Shirt trug mehrere hundert Unterschriften, Mario Basler und Michael Tarnat erklommen trotzig die Tische, um Party zu machen. Und Oliver Kahn? Wurde vermisst, saß nicht einmal den offiziellen Teil der Veranstaltung ab. Aber es hatte jemand gesehen, wie er kurz aufgetaucht und Teile des Buffets auf seinen Teller geladen und mit aufs Zimmer genommen hatte.

In seiner Biografie „Ich. Erfolg kommt von innen“ schrieb Kahn später vom Aufkommen eines Burn-out in diesem Jahr 1999, in dem die Bayern noch ein weiteres Finale verloren: das im DFB-Pokal, 5:6 nach Elfmeterschießen gegen Werder Bremen.

Barcelona, Berlin, der FC Bayern erlebte schmerzvolle Tage. Zwischen beiden Partien ein Auftritt der kompletten Mannschaft im ZDF-Sportstudio – es gab schon launigere Fernsehabende.

Klar, dass sich der FC Bayern mit der „Mutter aller Niederlagen“ in Barcelona nicht abfinden wollte. Aus diesem Erlebnis entstand der Antrieb, den Europacup-Sieg nachzuholen. Es gelang 2001 in Mailand gegen den FC Valencia. Die Bayern gewannen im Elfmeterschießen, Oliver Kahn hielt gegen Mauricio Pellegrino, und wie er dann losrannte, das kann man nicht vergessen.

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