Venlo/München – Als Marcus Sorg und Thomas Schneider noch Assistenten von Joachim Löw waren (von 2016 bis 2018), war Sorg der bei der Presse beliebtere. Schneider galt halt als etwas maulfaul und schnöselig, Sorg hingegen schwäbelte so wunderbar („Der Wääääg“), dass man sofort Vertrauen zu ihm fasste. Bei der WM 2016 gab es sogar mal eine Sitzung der mitgereisten Journalisten mit der Presseabteilung des DFB, dabei wurde die Bitte vorgetragen, den netten Herrn Sorg, der sich immer bemühte, was Gescheites zu sagen, doch öfter aufs Pressekonferenzpodium zu setzen.
Nach der missratenen WM 2018 wurde Schneider in die Scouting-Abteilung weggelobt (tatsächlich also: degradiert), Marcus Sorg ist nun der erste Zuarbeiter von Joachim Löw – und derzeit, gültig für die EM-Qualifikationsspiele am Samstag in Weißrussland und am Dienstag kommender Woche in Mainz gegen Estland – der Ersatz-Jogi. Löw hat sich beim Hanteltraining verhoben, musste zur Beobachtung und der Behandlung von Durchblutungsstörungen ins Krankenhaus. Sorg übernimmt für die paar Tage die Stelle, er ist quasi der Bundestrainer i.V., würde sich aber nicht als solchen bezeichnen.
Bundestrainer ist und bleibt für ihn Löw, er selbst hat „keine Intention“, dem Vorgesetzten in irgendeiner Weise („In keinschter Weise“) nach dem Job zu trachten. Klar ist auch, dass in der Frage der Mannschaftsaufstellungen „der Bundestrainer das letzte Wort haben wird“: Löw. Telefonisch. DFB-Direktor Oliver Bierhoff versichert, „dass sich Jogis Stimme entspannt und ruhig anhört“. Voller Vertrauen, dass Sorg die Vorgabe umsetzen wird, die da lautet: „Mit neun Punkten in die Sommerpause gehen.“ Drei hat man schon aus dem ersten Quali-Spiel, das man Ende März in den Niederlanden 3:2 gewann.
Sorg sagt über sich, dass er nicht der Typ sei, „der von einem Fernsehauftritt zum nächsten“ ziehe, das brauche er nicht. Doch er möchte auch nicht als der brave und willenlose Assistent gesehen werden, der keinen Einfluss und keine Erfahrung hätte. In der Bundesliga tauchte er als Trainer nur eine Halbserie auf (dann löste ihn beim SC Freiburg Christian Streich ab), für seine 53 Jahre sieht er erstaunlich jung aus, er ist der Öffentlichkeit nicht nachhaltig bekannt – da schadet es nicht, darauf hinzuweisen, „dass ich seit 20 Jahren in diesem Beruf bin und seit 20 Jahren vor Mannschaften spreche“. Oliver Bierhoff ergänzt: „Und in diesen 20 Jahren war er meistens auch Cheftrainer.“ Überwiegend im Nachwuchs eben.
Beim DFB fing Sorg 2013 an, und passenderweise, so erinnert er sich, „war mein erstes Pflichtspiel mit der U19 in Borissow“. Er hat somit Weißrussland-Erfahrung, kennt die „etwas längere Distanz vom Hotel zum Stadion“ und weiß, was seine Mannschaft 2019 erwarten wird: „Weißrussland wird über die Emotionen und die Zweikämpfe versuchen, ins Spiel zu kommen.“ Dass es in Borissow, das auch Barissau genannt wird, unangenehm sein kann, hat übrigens auch der FC Bayern schon erleben müssen, der unter Trainer Jupp Heynckes beim Club Bate ein Champions-League-Vorrundenspiel verlor.
Manuel Neuer wird es nicht vergessen haben. Er führt die Nationalmannschaft als Kapitän an, derzeit wird nicht diskutiert über seine Berechtigung, der Nummer-eins-Torhüter zu sein. Rivale Ter Stegen (FC Barcelona) ist seit Wochen verletzt (Patellasehne), mit Bernd Leno fällt ein weiterer Tormann aus, sodass es zu einer Nachnominierung des Münchner Neuer-Ersatzes Sven Ulreich kam. „Ich freue mich, ihn kennenzulernen“, sagt Bundestorwarttrainer Andy Köpke, der die überraschende Wahl so begründete: Ein dritter Mann musste her, da es kompliziert werden könnte, wenn Neuer oder Kevin Trapp sich in Weißrussland verletzten. In der U21 von Stefan Kuntz wollte man nicht weiter wildern (Kandidaten wären der Schalker Alexander Nübel und der Mainzer Florian Müller), nachdem man auch noch deren Assistenten Antonio di Salvo kurzfristig angefordert hatte.
Ihn wollte Marcus Sorg, der Vertretungs-Löw, als Vertretungs-Sorg haben.