Rennes – An zentralen Sammelpunkten wie dem Place Saint-Anne von Rennes kommt die studentische Prägung der bretonischen Hauptstadt besonders gut zum Vorschein. Vor den windschiefen Fachwerkhäusern, die wie ein Relikt aus dem Mittelalter wirken, bevölkert ein junges Publikum die Lokale an der Basilika St. Aubin. Rund 63 000 Studenten bestimmen das Leben. Wenn Lena Sophie Oberdorf sich hier am ersten WM-Spielort der deutschen Fußball-Frauen umsehen sollte, würde sie nicht auffallen.
Im Kreise der DFB-Frauen hingegen muss die Fußballerin der SGS Essen manchmal selbst noch schmunzeln, „wie jung ich eigentlich noch bin.“ Als sie mit Kapitänin Alexandra Popp kürzlich im Trainingslager in Grassau über beliebte Kindersendungen plauderte und die frühere Tierpflegerin über ihre Vorliebe für „Unsere kleine Farm“ sprach, fragte das Nesthäkchen: „Was ist das denn?“ Die US-Serie aus den Siebziger- und Achtzigerjahren ist in ihrer Generation nicht mehr angesagt. Mit Beginn der WM in Frankreich am Freitag wird sie 17 Jahre, fünf Monate und 19 Tage alt sein. Birgit Prinz, Tina Wunderlich und Sandra Smisek reisten zwar auch alle als 17-jährige zur WM 1995 in Schweden, aber niemand war damals noch so jung. „Ihr Alter hat keine Rolle gespielt, sondern in erster Linie ihre Leistungen“, sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die sich von Oberdorf genau wie von der 18-jährigen Klara Bühl (Freiburg) vor allem „Frische und Unbekümmertheit“ erhofft.
Deutschlands Jüngste wuchs in Gevelsberg im südlichen Ruhrgebiet in einer sportlichen Familie auf. Schwester und Bruder hätten immer im Garten gekickt, „da habe ich dann mitgemacht.“ TuS Ennepetal und TSG Sprockhövel heißen ihre Heimatvereine. Bis zur B-Jugend hat sie sich ausnahmslos mit Jungs gemessen. Akzeptanzprobleme hat sie nie erlebt. Oft hat sie sich in der Schiedsrichterkabine umgezogen und geduscht – und wenn das nicht ging, „haben die Jungs alle vor der Kabine gewartet.“
Seit ihrem Wechsel zum Bundesligisten SGS Essen, für den die robuste Überfliegerin bereits neun Bundesligatore erzielte, spielen Eltern und Opa viermal pro Woche den Fahrdienst. Von der Führerscheinprüfung hat sie bislang nur den Theorieteil bestanden. Noch geht sie in die elfte Klasse am Gymnasium Gevelsberg. „Wegen der WM muss ich alles nacharbeiten.“ Für ihre Leistungsfächer Englisch und Sport und die Prüfungsfächer Mathe und Pädagogik hat sie den Schulstoff mitgenommen. „Vielleicht lenkt mich das auch ein bisschen ab.“
Denn es könnte noch ein aufregendes Turnier werden: Bei der Generalprobe gegen Chile (2:0) durfte die deutsche Nummer sechs mit ihrer Einwechslung bereits das dritte Länderspiel machen, was als Indiz zu deuten ist, dass die WM schon der Startschuss der internationalen Karriere werden könnte.
Mutter Bettina und Vater Frank, der eine Anwaltskanzlei führt, haben einen WM-Besuch fest eingeplant. Vielleicht geht es gleich in Rennes gemeinsam an jene Plätze, an denen sich Mitvierziger fast wie Greise fühlen.