München – Oliver Zeidler, 22, hat am vergangenen Wochenende in Luzern als erster deutscher Einer-Ruderer EM-Gold gewonnnen – und das in seinem ersten dritten Jahr im Skiff. Der Modellathlet aus Schwaig bei Erding war früher Leistungsschwimmer, ehe er mit 19 in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters trat, ebenfalls erfolgreiche Ruderer.
Herr Zeidler, haben Sie ein bisschen Zeit gehabt, Ihren Erfolg zu feiern?
GIeich nach dem Rennen habe ich noch ein paar Leute am Rotsee getroffen, aber es wurde doch schnell die Abreise vorbereitet.
Wie schätzen Sie Ihr EM-Gold ein?
Es ist natürlich noch früh in der Saison. Deswegen darf man die Ergebnisse nicht überbewerten. Aber Fakt ist auch, dass in den vergangenen Jahren der Europameister immer Weltmeister wurde. Das heißt, ich habe jetzt schon ein bisschen die Favoritenrolle, wenn wir Richtung WM schauen. Aber ich weiß, dass die anderen auf alle Fälle noch etwas draufzusetzen haben. Ondrej Synek (Tschechien, WM-Zweiter 2018, d. Red.) oder Damir Martin (Kroatien, Olympia-Zweiter 2016, d. Red.), die im Finale etwas hinterhergefahren sind, werden sich sicher bei der WM in einer anderen Form präsentieren
Sie saßen dann am Montag bereits wieder an Ihrem Arbeitsplatz bei einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Die meisten Ruderer sind Studenten und sind damit flexibler in ihrer Zeiteinteilung. Wie schaffen Sie es, Training und Job zu vereinen?
Mir war nach meinem Abitur wichtig, dass ich eine gute berufliche Basis lege neben dem Sport. Da habe ich mich eben für den Weg der dualen Ausbildung entschieden. Ich kenne das aber gar nicht anders. Als ich noch Schwimmer war, war ich auch bis mittags, nachmittags in der Schule und bin dann nach München zum Training gefahren. Da habe ich teilweise noch zusätzlich in der Früh, vor der Schule, trainiert. Deshalb war es keine große Umstellung.
Was nahmen Sie – außer beste körperliche Voraussetzungen – vom Schwimmen fürs Rudern mit?
Das Verständnis für das Element Wasser, das war ein ganz großer, ein ganz wichtiger Punkt. Wenn man weiß, wie man sich im Wasser schnell fortbewegt, wenn man das als Schwimmer sozusagen schon am eigenen Leib gemerkt hat, kann man das auch beim Rudern einbringen.
Das müssen Sie genauer erklären.
Letztendlich möchte man sich am Wasser abstoßen, so würde ich es jetzt mal nennen. Das macht man beim Schwimmen so, und beim Rudern ist es ähnlich. Es bringt nichts, wenn man vorne extrem viel Kraft reinhaut, sondern man muss kontinuierlich anschieben. Da brauchen viele Ruderer jahrelang, um das herauszufinden. Und ich habe das vom Schwimmen mitgebracht.
Dafür waren Sie bei der Rudertechnik im Nachteil
Man sagt, dass man normal sechs bis zehn Jahre braucht, ich habe es jetzt in zweieinhalb Jahren geschafft.
Wo haben Sie sich im Vergleich zum vergangenen Jahr noch verbessert.
Ich habe jetzt mehr Sicherheit im Boot, komme auch mit Wellen zurecht, was mir im vergangenen Jahr bei der WM zum Verhängnis geworden ist. Da habe ich jetzt eigentlich keine Defizite mehr. Zudem habe ich in der Technik deutliche Schritte nach vorne gemacht. Im Vergleich mit der Weltspitze sind das jetzt Rennen auf Augenhöhe.
Wie kann man das alles so schnell aufholen? Haben Sie ein größeres Talent oder trainieren Sie einfach mehr als andere?
Talent wird dabei sein, aber ohne harte Arbeit geht es auch nicht. Durch hartes Training gab es eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Man muss immer dranbleiben, dass sich nicht irgendwelche Fehler einschleichen, die nur schwer auszubügeln sind, wenn man sie über Monate macht. Man muss immer an seinen Schwächen arbeiten. Dadurch, dass ich so spät mir Rudern anfing, hat man bei mir den Fortschritt, wenn ich etwas verbessert habe an der Technik, überproportional stark in den Leistungen schon im Training gemerkt. Mit den spürbaren Fortschritten war es noch einmal ein größerer Ansporn, das Boot schneller und effektiver zu bewegen.
Sie hatten die WM vor einem Jahr, bei der Sie nach Problemen mit dem Wind im Finale Sechster wurden. Was haben Sie mental gelernt?
Mittlerweile habe ich ja mehr Rennpraxis, das heißt, ich kann meine Gegner um einiges besser einschätzen, auch während des Rennens, und ich kann auch meine persönliche Leistungsfähigkeit besser einschätzen. So war es jetzt auch bei der EM in Luzern. Ich wusste bei 1000 Metern, dass ich gewinnen kann. Ich habe mich so gut gefühlt und war mir deshalb relativ sicher,
In Plowdiw waren Sie enttäuscht, obwohl eigentlich schon der Finaleinzug für Sie als Debütant ein Erfolg war. Sehen Sie Ihr Abschneiden heute anders?
Rückblickend war es gar nicht so schlecht, dass ich da nicht gleich eine Medaille gemacht habe. Es war Ansporn für mich, noch härter zu trainieren, noch stärker an meinen Schwächen zu arbeiten. Wir sind deshalb auch wirklich im Winter und Frühjahr bei jedem Wetter – egal, ob Sturm war oder es geregnet hat – aufs Wasser gegangen, um meine Technik bei den verschiedenen Wetterbedingungen zu verbessern um dann auch bei entsprechenden Bedingungen schnelle und saubere Rennen auf hoher Schlagzahl zu fahren.
Bei einem WM-Erfolg wären die Erwartungen außerdem noch mehr gestiegen.
Das hatte man mir schon oft gesagt, aber ich habe es erst später verstanden, was damit gemeint war. Für meine Karriere war es ganz gut, dass ich nicht gleich eine WM-Medaille gewonnen habe. Mit dem EM-Titel habe ich jetzt dennoch die Position, dass ich als Mitfavorit zur WM fahre. Aber für die meisten bin ich noch immer der Newcomer, in dessen Rolle ich mich auch wohl fühle. Und es ist auch unwahrscheinlich, dass mir den Erfolg, nach so kurzer Zeit im Sport, jemand nachmacht. Deshalb hat sich weder durch die WM-Niederlage, noch durch das EM-Gold, viel für mich und meine Rolle geändert.
Interview: Elisabeth Schlammerl