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von Redaktion

DFB-Team braucht eine neue Hierarchie – und einen neuen Mannschaftsrat

VON JAN CHRISTIAN MÜLLER

Venlo – In Venlo mit seinen rund 100 000 Einwohnern wechseln sich schöne Ecken, an denen sich bestens verweilen lässt, mit einer an grober Ignoranz schwerlich zu überbietenden Architektur ab. So ein bisschen passt dieses von Brüchen geprägte Bild auch auf die Fußballmannschaft aus dem Nachbarland, die für fünf Tage ein Trainingscamp am Stadtrand aufgemacht hat. Diesen Sommer sind zur Abwechslung nicht nur ein paar Spieler mit einigen Wehwehchen absent (Toni Kroos, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno), sondern auch der verletzt verhinderte Cheftrainer.

Joachim Löws Stellvertreter Marcus Sorg weiß natürlich, dass die Spieler lieber im Süden Urlaub machen würden, als sich an der deutsch-niederländischen Grenze ein, zwei oder gar drei Wochen nach ihrem individuellen Saisonende im Club noch auf zwei potenziell wenig anspruchsvolle EM-Qualifikationsspiele vorbereiten zu müssen. Er hat gleichwohl seine grundsätzliche Erwartungshaltung formuliert: „Das Anforderungsprofil an Nationalspieler ist, dass sie in der Lage sind, sich nach einem kurzen Urlaub sehr schnell wieder hochfahren, motivieren und konzentrieren zu können.“ Schließlich fände alle zwei Jahre im Sommer ein bedeutendes Turnier statt, bei dem eben dieses Profil abgerufen werden müsse. Jahrzehntelang glaubte man, deutsche Nationalspieler könnten das besser als andere. Auch vergangenen Sommer war Löw wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass es wieder so sein würde. Er wurde eines schlechteren belehrt.

Für den Sommer 2019 gibt es zwei Ziele: Im operativen Geschäft sollen in der EM-Qualifikation in Weißrussland und gegen Estland am Samstag und Dienstag sechs Punkte aufs Konto geschaufelt werden. Perspektivisch soll der deutsche Fußball wieder eine Größe werden, an der sich andere orientieren. „Unsere Spielkonzeption weiter optimieren“, nennt das Sorg etwas sperrig. Zu viel war fundamental schiefgelaufen in Sachen Spielkonzeption vor einem Jahr bei der WM in Russland.

Die Trainingseinheiten in Venlo finden im ganz Geheimen statt, die Kameramänner werden gar nicht zugelassen oder nach einer belanglosen Viertelstunde des Aufwärmens regelmäßig freundlich fortgeschickt. Niemand soll wissen, was sich die Herren Joachim Löw, Marcus Sorg und Andreas Köpke in ihrer mehrstündigen Besprechung vorm Pokalfinale in Berlin alles ausgedacht haben. Zudem gibt es in den sonnigen und warmen Tagen von Venlo ein begleitendes Rahmenprogramm zum Teambuilding, am Montag fanden Wasserwettkämpfe auf dem Badesee „Blaue Lagune“ statt.

Das erscheint allen Beteiligten unbedingt angeraten in einer neuen, noch längst nicht vollends ausgeprägten Hierarchie ohne die vormaligen Platzhirsche Thomas Müller, Jerome Boateng, Mats Hummels und Sami Khedira, die vor einem Jahr um diese Zeit im Trainingslager in Südtirol noch den Ton angegeben haben und alle zum Mannschaftsrat gehörten. „Den gibt es momentan nicht offiziell“, erläuterte Kapitän Manuel Neuer gestern: „Es ist jetzt so, dass wir uns in positionsgebundenen Runden treffen, um über Abläufe in sportlichen Dingen zu reden.“ Der fehlende Mannschaftsrat sei sicher auch Ausdruck der derzeitigen Umbruchphase, räumt Neuer ein. Vieles muss sich noch finden. „Ich bin jetzt der alte Hase“, sagt der Kapitän, „es ist auch für mich anders. Man merkt die Positionskämpfe und wer Verantwortung übernehmen möchte.“

Auf einer höheren Ebene übriggeblieben sind der einen eher zurückhaltenden Führungsstil prägende Neuer, der ehrgeizige und aufstrebende Joshua Kimmich, der derzeit abwesende und ohnehin meist sein eigenes Ding verfolgende Toni Kroos, der vor einem Jahr infolge der Erdogan-Affäre noch indisponierte, intelligente Ilkay Gündogan, Rückkehrer Marco Reus sowie Julian Draxler und Leon Goretzka, der beste Mann beim Confed-Cup 2017. Schon die Aufzählung dieser Namen zeigt, dass einiges in Bewegung geraten ist. Genauso, wie es der Bundestrainer will.

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