Rangnick verändert sich

Red Bull verleiht Flügel

von Redaktion

ULI KELLNER

Der runde Geburtstag macht etwas mit den Menschen, kaum einer wird das bestreiten. Für den Körper spielt es ja eher keine Rolle, ob nun eine 9 oder eine 0 hinten steht, doch der Kopf, der schaltet auf Erwartungsabgleich, wenn die nächste Dekade bevorsteht. Stimmt die Work-Life-Balance? Was kommt als nächstes? Oder bei den 50/60-Jährigen: Kommt noch mal was Neues? Auch Ralf Rangnick dürfte vor einem Jahr an diesen Punkt gelangt sein, und der ehrgeizige Macher von RB Leipzig hatte eine gute Idee, um den Übergang von 59 auf 60 mental abzufedern: Er ist einfach noch mal Trainer geworden – weil er es wollte und nachweislich konnte. Platz drei mit RB Leipzig ist eine Bürde, an der sich ab sofort der halb so alte Julian Nagelsmann abarbeiten darf.

Rangnick selbst steht jetzt vor seinem 61. Geburtstag – und er hat eine weitere Richtungsentscheidung für sich getroffen. Wo andere an Ruhestand denken, erfindet sich der schwäbische Erfolgsmensch noch mal neu. Er verlässt seine Komfortzone, wie das heutzutage heißt, steigt zu einer Art Generaldirektor bei Red Bull auf und wird künftig vor allem eines: viel unterwegs sein. Weiterhin in dem Job, den er beherrscht, der Entwicklung von gutem Fußball. Aber halt auch: Nicht mehr dort, wo er alles kennt, alles schon erreicht hat und erst mal am Ende einer Entwicklung angelangt sein könnte.

Für einen, der schon mal unter Burnout litt, mag das eine gewagte Entscheidung sein, doch man kann die Sache auch positiv sein. Rangnick wird künftig zwischen zwei recht attraktiven Standorten hin- und herpendeln: New York und Bragantino (Brasilien). Rangnicks Rolle ist die eines Außenministers im Red-Bull-Kosmos, und wenn er schlau ist (was ja der Fall sein soll), paart er seinen Ehrgeiz künftig mit einer Portion Achtsamkeit. Damit er sich nicht selbst in der Luft begegnet, wie man früher bei Hans-Dietrich Genscher gewitzelt hatte, einem anderen bekennenden Arbeitstier.

Stand jetzt hat Rangnick eine reife Entscheidung getroffen, denn was wären die Alternativen gewesen? Noch mal einen Verein von ganz unten nach oben führen wie Hoffenheim und Leipzig? Woanders arbeiten, wo die finanzielle Ausstattung viel schlechter ist? Auf ein Angebot des FC Bayern warten, das eher nicht kommen wird (Uli Hoeneß fand den Schwaben immer suspekt)? Dann doch lieber ein paar Jahre die Welt bereisen, weiterhin gutes Brause-Geld verdienen und den eigenen Horizont erweitern. Wie heißt es in der Werbung seines Arbeitgebers? Red Bull verleiht Flüüüügel! Trainer oder Sportchef kann Rangnick jederzeit wieder werden, wenn ihm der tägliche Adrenalinkick fehlen sollte. Dass er beides beherrscht, auch wenn er länger raus war, hat er nicht nur einmal bewiesen. Und seinen Ruf als Experte – den genießt er auch noch beim nächsten runden Geburtstag.

uli.kellner@ovb.net

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