Paris – Ist wirklich schon so viel Zeit vergangen seit der letzten Begegnung von Rafael Nadal und Roger Federer im Stade Roland Garros? Acht Jahre? Stimmt schon; es war das Finale 2011. Der Schweizer hatte bis dahin 16 Grand-Slam-Titel gewonnen, der Spanier feierte seinen zehnten, den sechsten im Stade Roland Garros. Federer, so sah es damals aus, würde sich vorsehen müssen. Nicht nur Nadal kam immer näher in der Erfolgsbilanz, es war ja längst auch Novak Djokovic aufgetaucht, der kräftig am Sockel der Konkurrenten rüttelte und sich in jenem Jahr drei Grand-Slam-Titel schnappte.
Federer gewann in den folgenden fünf Jahren nur noch einen dieser wichtigsten Titel des Tennis – in Wimbledon 2012 –, und es wirkt aus heutiger Sicht verwirrend, dass in dieser Zeit nicht wenige Beobachter dachten, die große Zeit des Schweizer Künstlers sei wohl vorbei. Doch mit dem von niemandem, auch nicht von ihm selbst, erwarteten Triumph bei den Australian Open 2017 mit dem Sieg im Finale in fünf faszinierenden Sätzen gegen Nadal bekam die Geschichte wieder einen anderen Dreh.
Rafael Nadals letzter Sieg gegen den Rivalen liegt nun schon lange zurück; er stammt aus dem Finale der Australian Open 2014. Doch jeder, der sich ein wenig mit Tennis beschäftigt, wird sagen, darauf komme es nicht an. Viel wichtiger sei es, dass der Spanier in all den Jahren von insgesamt 15 gemeinsamen Begegnungen auf Sand mit Federer nur zwei verlor (2007 am Hamburger Rothenbaum und zwei Jahre danach in Madrid) und kein einziges der fünf Spiele in Paris. Eine der beiden Serien wird an diesem Freitag im Halbfinale zu Ende gehen; mit dem ersten Sieg von Nadal seit jenem Sonntag im Januar 2014 oder dem ersten von Federer in einem gemeinsamen Spiel in Paris.
Es ist kein Geheimnis, wie sehr sich die beiden schätzen und mögen, wie groß der gegenseitige Respekt ist. Aber es ist auch spannend, zu sehen, welche Botschaften zwischen den Zeilen versteckt sind, wenn es um die aktuellen Positionen geht. Ein paar Augenblicke nach seinem überzeugen Sieg im Viertelfinale gegen Landsmann Stan Wawrinka sagte Federer, die Aussicht, auf Sand gegen den großen Rivalen spielen zu können, sei einer der Gründe gewesen, warum er nach drei Jahren Pause in Paris wieder dabei sei. „Wenn du was auf Sand erreichen willst, dann kommt unweigerlich irgendwann der Moment, in dem du Rafa begegnest. Das wusste ich von Anfang an, und wenn ich das hätte vermeiden wollen, dann würde ich auf Sand nicht spielen.“ Nadal gestattet sich Widerspruch, höflich, aber bestimmt. „Er spielt deshalb wieder auf Sand, weil er auf jedem Boden gut spielen kann, weil er sich körperlich gut genug fühlt, um mithalten zu können, und weil er keinen Grund hat, einen wichtigen Teil der Saison auszulassen.“
Es gab nie einen erfolgreicheren, einen intensiveren Spieler in Paris als ihn. Elfmal stand er im Halbfinale des Turniers, elfmal gewann er den Titel, und seine Bilanz steht nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Kei Nishikori bei 91:2. Vor zehn Jahren verlor er an einem regnerischen Tag gegen den Schweden Robin Söderling, der später im Finale gegen Federer spielte, und vor vier Jahren im Viertelfinale gegen Novak Djokovic. Das war’s. Natürlich spielt Federer nun wie jeder Konkurrent nicht nur gegen den Mann selbst, sondern auch gegen diese unfassbare Bilanz. Und gegen die eigene, in der fünf Niederlagen stehen.
Und wie beantwortet er die Frage, was er dann nach all den Jahren tun oder vielleicht ändern könne, um ein wenig optimistischer in den sechsten Versuch auf dem Court Central zu gehen? „Wie gegen jeden anderen Spieler gibt es immer eine Chance.“ Wenn es nicht so wäre und man das Ergebnis vorher wüsste, so fuhr er fort, käme niemand ins Stadion um zuzusehen, das sei ja das Schöne im Sport. Aber vielleicht stimmt das in diesem Fall nicht. Selbst, wenn sie sicher wüssten, dass Rafael Nadal auch diesmal in vier Sätzen in Paris in Roger Federer gewinnt, gingen die Leute ins Stadion, um die beiden zu sehen; die Legende lebt längst nicht mehr von der Frage, wer gewinnt.