Er ist schon eine Funktionärsgranate, dieser Giovanni Infantino. Schließlich hatte der Schweizer in seinen drei Jahren als FIFA-Präsident nicht immer einen leichten Stand. Besonders seine Kritiker in Europa hatten sich auf ihn eingeschossen. Auch gab es einige peinliche Vorwürfe, sogar in den Panama Papers tauchte er auf. Und trotz alledem wurde Infantino bei seiner Wiederwahl gehuldigt, als handle es bei dem höchsten Machthaber des Weltfußballs um einen modernen Messias. Schon erstaunlich, wie er das geschafft hat.
Der mit den Tränen ringenden FIFA-Boss sprach gestern von „einem Feiertag“. Für ihn mag das zutreffen. Es bleiben aber Zweifel, ob der Fußball mit Infantinos Wahl tatsächlich einen Feiertag erlebte.
Unter der Führung des gelernten Juristen mag es die FIFA tatsächlich geschafft haben, das aus Sepp Blatters Ära stammende Skandalimage halbwegs abzulegen. Dennoch fällt es überaus schwer, Infantino als Heilsbringer zu sehen. Seine oft undurchsichtige Amtsführung orientiert sich doch allzu sehr an finanziellen Verlockungen. Immer wieder offenbarte Infantino, dass er sich über Geld und Renditen definiert. Nicht von ungefähr ist die FIFA so reich wie nie zuvor. Schon klar, das muss nicht notwendigerweise schlecht sein. Aber dahinter steckt eben Infantinos Bereitschaft zur totalen Kommerzialisierung des Fußballs.
Sei es die aufgeblähte WM (ab 2026 mit 48 Teilnehmern), die Club-WM (24 Teams) oder die geplante globale Nations League – stets erweckte der 49-Jährige den Eindruck, dass es ihm dabei vor allem um die vielen in Aussicht stehenden Milliarden geht. Und nicht um sportlichen Wert oder die Attraktivität des Fußballs. Auch damit erinnert Infantino stark an die alte Garde der FIFA-Funktionäre. Ebenso suspekt ist sein machtpolitisches Bemühen, sich eine FIFA-Hausmacht über die kleinen Nationen von Antigua bis Vanuatu zu schaffen.
Zu Infantinos Kritikern zählte lange Zeit auch der DFB. Doch der verhielt sich beim FIFA-Kongress überaus zahm. Man könnte auch sagen: duckmäuserisch. Nachdem sich der gescheiterte Ex-Präsident Grindel – und mit ihm sein Verband – mächtig blamiert haben, fehlte der Antrieb, dem FIFA-Chef die Stirn zu bieten. Stattdessen klatschte man willfährig für Infantino. Den deutschen Fußball hat man schon selbstbewusster gesehen.
Armin.Gibis@ovb.net