„Heute liebe ich jeden“

von Redaktion

Klare Sache: Infantino wird als FIFA-Präsident bestätigt und ist ganz gerührt

VON ARNE RICHTER UND FLORIAN LÜTTICKE

Paris – Gianni Infantino klopfte sich mit der rechten Hand auf sein Herz, musste kurz schlucken und gerührt seine Dankesrede unterbrechen. Mit höflichem, aber keinesfalls euphorischen Applaus ist der 49-jährige Schweizer vom FIFA-Kongress gestern in Paris per Akklamation für eine zweite Amtszeit bis 2023 wiedergewählt worden. Auch die Vertreter des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) klatschten mit, als Infantino zum stampfenden Beat des White-Stripes-Hit „Seven Nation Army“ zurück auf die Bühne im schmucklosen Messegelände Expo Porte de Versailles der französischen Hauptstadt stolzierte.

„Danke an alle die mich lieben, und alle die mich hassen. Heute liebe ich jeden“, sagte Infantino in seiner Rede und ging dann schnell zu dem Thema über, das einen der wichtigsten Gründe für seine unumstrittene Kür ohne Gegenkandidaten darstellt: Geld. 1,75 Milliarden US-Dollar sollen bis 2022 über das Forward-Programm an Mitgliedsverbände fließen.

Die FIFA ist so reich wie nie zuvor. Sie hat im zurückliegenden Finanzzyklus von 2015 bis 2018 eine Rekordeinnahme in Höhe von 5,7 Milliarden Euro erzielt. 83 Prozent davon (4,73 Milliarden) wurden bei der WM-Endrunde 2018 in Russland erwirtschaftet. Das Vermögen der FIFA beläuft sich auf 3,9 Milliarden Euro.

„Es sind beeindruckende Zahlen, die die FIFA präsentiert hat. Die FIFA steht wirtschaftlich auf sehr gesunden Füßen“, lobte DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius. „Es war ein eindeutiges Votum. Er geht gestärkt aus dem Kongress hervor.“

Bei seiner Wahl erhoben sich einige Delegierte vornehmlich aus Afrika, zu ganz großen Ovationen kam es jedoch nicht. Schon während seiner mehr als halbstündigen ersten Rede bekam Infantino nur zweimal merklichen Applaus. Insgesamt dauerte der Kongress nicht einmal drei Stunden.

Erstmals seit Vorgänger Joseph Blatter 2007 wurde ein FIFA-Chef wieder per Akklamation im Amt bestätigt. Die dafür nötige Statutenänderung hatten die Delegierten unmittelbar vor der Infantino-Kür bei nur drei Gegenstimmen gebilligt.

Offene Opposition will auch der Deutsche Fußball-Bund, der in Paris durch seine Interims-Spitze Reinhard Rauball und Rainer Koch sowie Curtius vertreten war, nicht üben. Erst am Dienstag hatte sich der DFB auf eine Unterstützung von Infantino festgelegt. „Unser Weg ist, dass wir nicht zu allem ja sagen und alles abnicken. Wir wollen ein kritischer Begleiter sein“, kündigte Koch an.

In Infantinos erster Amtszeit hatten immerhin noch vier Mitglieder des FIFA-Rats aufgrund von nachgewiesener Korruption oder Vorwürfen ihren Platz verloren oder waren zurückgetreten. Zuletzt schied DFB-Präsident Reinhard Grindel wegen moralischer Verfehlungen aus.

Infantino führt die FIFA seit 2016 als Nachfolger von Blatter an. Intern hat der ehemalige UEFA-Generalsekretär nach dem Rücktritt von Grindel keine Kontrahenten mehr. Externe Kritiker werfen ihm einen autokratischen Führungsstil und die Aufweichung der Demokratie-Reformen vor.

In seiner ersten Amtszeit hatte der ehemalige Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union UEFA unter anderem erfolgreich für eine Ausweitung des WM-Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Teams von 2026 an geworben. Mit seinen Plänen, bereits die umstrittene WM in Katar 2022 zu erweitern, scheiterte er allerdings. Nach seiner Wahl kündigte er weitere Reformen an den internationalen Wettbewerben an.  In Zukunft möchte Infantino das Erfolgsmonopol des europäischen Fußballs beenden. „Das große Geld konzentriert sich in zehn Clubs in fünf Ländern in Europa. Nur diese Klubs können die Club-WM gewinnen. Und nur zehn Nationalmannschaften können Weltmeister werden. Fast alle kommen aus Europa – höchstens zwei, drei aus Südamerika“, sagte der Weltverbands-Boss nach seiner Wiederwahl: „Meine Vision ist es, dass 50 Clubs und 50 Nationalmannschaften aus der ganzen Welt gewinnen können.“

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