Aachen – Bei den Toren von Marco Reus und Leroy Sané brandete besonders lauter Jubel am Tivoli auf. Das Abschlussspiel war der Höhepunkt für die überwiegend jungen Fans beim öffentlichen Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gestern Abend in Aachen. Das weiße Team von Angreifer Sané, das in den 40 Minuten Spielzeit mit zehn Akteuren in Unterzahl agieren musste, verlor gegen Reus’ grüne Elf mit 1:2. Der Kapitän von Borussia Dortmund traf doppelt, ein Abseitstor von Kollege Thilo Kehrer zählte nicht.
„Es macht mega Spaß. Danke für euer Kommen“, rief Serge Gnabry den Fans via Stadion-Mikro zu. Obwohl laut DFB alle 30 000 verfügbaren Karten kostenlos vergeben worden waren, blieben viele Sitzplätze frei. 20 500 Zuschauer wurden gezählt.
Gekommen war in seiner Heimatstadt auch DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun. Es war ein bewegender Moment, als der 94-Jährige für ein gemeinsames Bild mit dem aktuellen A-Kader den Rasen betrat. Für den „hautnahen“ Kontakt mit den Fans war Aushilfs-Bundestrainer Marcus Sorg mit seinen 22 Akteuren aus dem rund 90 Kilometer entfernten Venlo angereist. Die lockere Übungseinheit vor Publikum war eine Abwechslung von der konzentrierten Arbeit im Trainingslager in den Niederlanden. Dort bereitet sich das DFB-Team auf die beiden EM-Qualifikationsspiele in Weißrussland und gegen Estland vor. „Es ist mein Ziel, dass wir beide Spiele gewinnen“, sagte Sané.
Empfehlen für die Startelf konnte sich beim Übungsspiel aber vor allem BVB-Kapitän Reus. Sorg schaute am Spielfeldrand genau hin. „Es ist wichtig, dass man die Spieler schnell wieder in die Spur bekommt“, erläuterte Sorg, der den erkrankten Bundestrainer Joachim Löw zum Saisonabschluss als Chef vertritt. Sorg muss die Spieler in kurzer Zeit noch einmal auf Betriebstemperatur bringen. Für etliche der 22 Akteure im Kader wird das letzte Wettkampfspiel beim Anpfiff am Samstag (20.45 Uhr) in Borissow schon drei Wochen zurückliegen.
„Nach einer langen, kräftezehrenden Saison müssen sich die Spieler wieder konzentrieren“, fordert Sorg. An Taktik und Spielkonzept wird aber vor allem in den geheimen Übungseinheiten in Venlo gearbeitet. Sorgs erklärtes Ziel ist es, vor dem Sommerurlaub den Schwung des guten Qualifikations-Starts mit dem 3:2 gegen den Hauptkonkurrenten Niederlande in die Spiele in Weißrussland und am kommenden Dienstag gegen Estland in Mainz mitzunehmen. „Wir versuchen, die Mannschaft weiter voranzutreiben“, erklärte Sorg. Er muss bis zur Abreise nach Minsk am Freitag wichtige Informationen sammeln. Die Erkenntnisse übermittelt Sorg an Löw, der auch in der Abwesenheit „das letzte Wort“ gerade bei der Aufstellung habe.
Die zentrale lautet: Wer übernimmt die Schlüsselrolle von Toni Kroos im zentralen Mittelfeld? Der 92-malige Nationalspieler von Real Madrid fehlt wegen muskulärer Probleme zum Saisonabschluss. Die Erfahrung spricht für den 28-jährigen Ilkay Gündogan. Beim Gewinn des Confed Cups 2017 in Russland konnte sich aber auch Julian Draxler als Kapitän und Mittelfeldchef des damaligen jungen DFB-Teams empfehlen. In der Zentrale vor der Abwehr gesetzt ist seit dem WM-Desaster vor einem Jahr der Münchner Joshua Kimmich. Gündogan und Bayern-Profi Leon Goretzka könnten mit ihm das Mittelfeld-Trio bilden. Der junge Leverkusener Kai Havertz, der am Tag des Estland-Spiels 20 Jahre alt wird, verkörpert die verheißungsvollste Zukunftsvariante.
„Wir haben einen guten, neuen Zuwachs. Wir haben viele Talente, die schon auf erstklassigem Niveau gespielt haben, auch international“, sagte Neuer. Der Kapitän treibt die Jungen an, um schon bei der EM 2020 mit der DFB-Auswahl wieder oben „angreifen“ zu können: „Wir hoffen, dass wir eine schnelle Entwicklung nehmen als Mannschaft.“ dpa