von Redaktion

VON ANDREAS MAYR

San Francisco/Toronto – LeBron James lebt noch. Man hat zuletzt nicht viel vom größten Basketball-Star des Planeten gehört. Sein letztes Interview liegt fast zwei Monate zurück. Auf seinen Verkündungsportalen häufen sich Bilder der Kinder an. Nach acht Final-Teilnahmen in Serie erlebt James erstmals wieder einen Sommer, wie ihn der NBA-Normalo Jahr für Jahr verbringt. Mit Urlaub, Strand und Familie, dafür ohne Basketball im Juni. Doch vergangenes Wochenende weckte James sein dösendes Twitter-Profil und feuerte eine Nachricht nach der anderen in die Weiten des Internets. „You’ll never walk alone“, schrieb er und schickte Glückwünsche an alle Fans des Liverpool FC hinterher.

Vor acht Jahren hat sich der NBA-Superstar zwei Prozent der Anteile am Champions-League-Sieger für 6,5 Millionen Euro zugelegt. Ihr Wert hat sich seitdem verfünffacht. James’ Anhänger frohlockten: Selbst in einem sportlich verkorksten Jahr ohne Playoff-Teilnahme gewinnt der Mann – in diesem Fall als Mitbesitzer. Die findigen Grafiker des Internetportals „Bleacher Report“ bastelten sofort eine Fotomontage, die James zeigt, wie er den Henkel-Pott in die Höhe reckt.

Auch wenn Fußball in den Staaten verglichen mit Basketball nur eine kleine Nummer ist, hat sich Liga-Boss Adam Silver das Champions-League-Finale angeschaut. Es war nicht leicht, sich zwei Stunden freizunehmen. Denn parallel laufen in der Liga, die niemals ruht, die Endspiele zwischen Toronto und Golden State. Silver – Titel: NBA-Commissioner – bezeichnet sich selbst als „Fußball-Student“, der seinen Blick am liebsten nach England richtet. Die Premier League zieht im weltweiten Vergleich aller nationalen Ligen noch mehr Fans an als die NBA.

„Ich schaue immer, was wir von anderen lernen können“, betont Silver in der „New York Times“. Und vom europäischen Fußball könne man noch einiges lernen. Zum Beispiel: Während seine Basketballliga nur einen großen Preis für 30 Bewerber ausspielt und Jahr für Jahr 29 Verlierer zurücklässt, treten die englischen Teams in bis zu vier Wettbewerben an. Der NBA-Boss weiß, dass er einen harteb Kampf gegen die Traditionalisten führen muss, die einen zusätzlichen Bewerb für überflüssig halten. Amerika, proklamieren sie, interessiere sich nur für den Meister, den sie – mit charmanter Zurückhaltung – auch noch „World-Champion“, also Weltmeister, nennen.

Den Zweiflern entgegnet Silver: „Unsere Clubs haben die Chance, neue Traditionen zu kreieren.“ Natürlich gehe das nicht über Nacht, aber doch innerhalb von ein, zwei Jahrzehnten, wie die Premier League beweist. 1992 spalteten sich die Top-Vereine vom Verband ab und formten ihre eigene Liga. Die Unabhängigkeit kostete wenig, ließ aber Milch und Honig in Form von üppigen Fernsehgeldern und steigenden Zuschauerzahlen fließen. „Der Gedanke, dass die NBA nichts Neues kreieren kann, macht für mich deshalb keinen Sinn“, betont der Commissioner.

Zwei Ideen befinden sich Silver zufolge in der „Konzeptionsphase“. Der Boss bevorzugt ein K.o.-Turnier zur Mitte der Saison. Bisher hat die NBA diesen Platz für ihr All-Star-Spiel beansprucht. Doch weil das Treffen der Elite zum wertlosen Gaudium verkommt, fürchtet die Liga um den Nutzen – und um Einnahmen. Gedacht war die Zaubershow der Ballkünstler als Werbeveranstaltung für Basketball. Trotz eines neuen Formats sanken die Einschaltquoten jedoch wieder um elf Prozent. Keiner will mehr lustlosen Stars zusehen, die sich den Ball wie im Training zuwerfen.

Stattdessen träumt der Commissioner vom Stern-Cup – einer Art FA-Cup oder DFB-Pokal. Wie sehr Amerika auf das K.o.-Format abfährt, zeigt sich im März. Die College-Liga NCAA krönt auf diese Art ihren Meister. Inklusive großer Dramen und Außenseiter-Erfolge. „March- Madness“ sagen die Sportfans dazu. Die NBA setzt in diesen Wochen weniger attraktive Partien an, weil sie gegen die Strahlkraft des College-Wahnsinns nicht ankommt. Im Februar dagegen, eine Woche nach dem Superbowl, ist die Bühne noch nicht ausgebucht. Fehlt nur noch ein Preis für den Sieger des neuen Turniers. Ein paar Ideen: Heimrecht in den Playoffs, Vorteile bei der großen Talentziehung, ein Fix-Platz für die Meisterrunde.

Im Kontrast dazu gilt Silvers zweites Konzept als mehrheitsfähiger. Die NBA orientiert sich am Pre-Playoff-Modus, an den sich Eishockey-Deutschland mittlerweile gewöhnt hat. Acht Teams kämpfen nach Ende der Vorrunde um die verbleibenden vier Playoff-Tickets. „Ich würde mir jedes einzelne Duell anschauen“, sagt Bill Simmons, einer der bekanntesten Autoren und Stimmungsmacher des Landes.

Mit diesem Format würde die Liga ihren nächsten Feldzug gegen das sogenannte Tanking starten. In der Endphase der Saison nehmen Mannschaften ohne Playoff-Aussichten Niederlagen gerne in Kauf. Sie erhöhen ihre Aussichten, als einer der Ersten aus dem großen Spielerpool Ende Juni auswählen zu dürfen. Je schlechter die Bilanz, desto größer die Chance auf Top-Talente. „Sie müssen das System verändern“, findet der Schwede Jonas Jerebko von den Warriors. Einer seiner Trainer, Ron Adams, ergänzt: „Wir brauchen ein Konzept, das Tanking verhindert.“

Die Macht zum Wandel haben nun die Spieler. Erst wenn ihre Vereinigung (NBAPA) den Vorschlägen zustimmt, ist der Weg frei für Änderungen. Noch hat Silver keinen offiziellen Antrag gestellt. Die Liga – also die Besitzer der 30 Klubs – diskutiert zunächst beide Modelle. Fünf Jahre könne das locker dauern, schätzt Warriors-Co-Trainer Ron Adams.

Commissioner Silver peilt eine Lösung frühestens im Jahr 2021 an. Dann feiert die NBA 75. Geburtstag. „Dieser Meilenstein gibt uns die Chance, über die Geschichte nachzudenken und mit Veränderungen zu experimentieren.“ Fest steht für ihn nur: „Veränderungen sind unausweichlich.“

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