Die deutscheste Disziplin

von Redaktion

Nationalmannschaft vor dem 100. EM-Qualifikationsspiel – Löw zugeschaltet

VON GÜNTER KLEIN

München – Diesen Samstag ist Jahrestag. 8. Juni 2019: Die deutsche Nationalmannschaft tritt in Weißrussland an (20.45 Uhr/RTL), es geht um die Qualifikation zur EM 2020. Man erinnert sich an den 8. Juni 2018, auch da war Länderspiel. In Leverkusen. Deutschland – Saudi-Arabien. Bundestrainer Joachim Löw wollte seine WM-Elf finden, sie sollte sich fürs Unternehmen Titelverteidigung einschießen. Doch sie mühte sich zu einem 2:1, Ilkay Gündogan wurde im Zuge der immer größer werdenden Erdogan-Trikot-Affäre bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen (eine Unmutsäußerung, die sich aber mehr noch auf Mesut Özil bezog) – und mit einem Mal spürte man all die Zweifel: Dieser Kader könnte in Russland scheitern. Und so kam es.

Man hatte damals an einem eigentlich angenehmen Sommerabend in der luftigen Bayer-Arena aber nicht absehen können, wie sehr sich die Nationalmannschaft binnen einer Saison verändern würde. Kein Müller, Hummels. Boateng mehr – und nicht wegen eines freiwilligen Rücktritts, sondern schlicht aussortiert. Die neue Generation, die für einen neuen Spielstil stehen soll: angeführt von Akteuren, die in Russland 2018 gar nicht dabei waren. Serge Gnabry, von dem man nicht wusste, ob er bei den Bayern nach Ende seiner Hoffenheim-Leihe überhaupt würde spielen dürfen, und von Leroy Sané, den Löw aus dem Südtiroler Trainingslager heimgeschickt hatte – als Entgegenkommen an die Generation der Etablierten, die sich vom Jungstar aus Manchester genervt fühlten.

In Borissow werden nicht mehr viele der großen deutschen Namen am Start sein. Manuel Neuer hat seine Position im Tor mit einigen Pokalfinale-Paraden, mehr aber noch durch die Verletzung seines Rivalen Marc-Andre ter Stegen gestärkt, und im Feld sind noch Marco Reus und Joshua Kimmich da von den 2018er-Stützen. Toni Kroos, vor einem Jahr noch als uneingeschränkt weltklasse gefeiert, pausiert, die Qualifikationsspiele in Weißrussland und am Dienstag in Mainz gegen Estland lagen zu weit weg von seinem Saisonende mit Real Madrid. Seine Position übernimmt Gündogan. Die Aufregung um ihn hat sich gelegt.

Und wird auch nicht wieder aufflackern, falls die beiden letzten Länderspiele der Saison den erwarteten Verlauf nehmen: zwei Siege, sechs Punkte, das wären dann mit den dreien aus dem 3:2-Sieg zum Qualifikations-Einstieg in den Niederlanden neun, das Optimum.

Qualifikationswettbewerbe sind die deutscheste Disziplin. Der DFB fährt immer zu EM und WM, von den letzten 53 Quali-Spielen gingen nur zwei verloren (ansonsten: 46 Siege, fünf Unentschieden). In Borissow steht am Samstag das 100. EM-Qualifikations-Match der DFB-Geschichte an.

Ohne Jogi Löw. Der Bundestrainer ist nach seinem Sportunfall mit einer Langhantel krankgeschrieben, aber fernmündlich zugeschaltet und hat, so sein Vertreter Marcus Sorg, „das letzte Wort“. Einmal erst hatte Löw nicht selbst unten auf der Bank sein können, das WM-Viertelfinale gegen Portugal (3:2-Sieg) erlebte er, da von der UEFA gesperrt, im St. Jakob-Park in Basel aus dem VIP-Raum. Es gab Fotos, die zeigten, wie er hinter der Glasscheibe qualmte – das war ihm etwas peinlich.

„Wir hätten Jogi gerne bei uns“, sagt Julian Draxler. Kapitän Neuer formuliert den Vorsatz des Teams: „Wir wollen unserem Trainer zeigen, dass er sich total auf uns verlassen kann. Er soll sagen: Diese Spieler sind gute Jungs, sie holen sechs Punkte für mich.“ 2019 soll sich nicht wie 2018 anfühlen.

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