Paris – Hätte man ihn vor Beginn des Turniers gefragt, wer denn am längsten aus der deutschen Gruppe in Paris bleiben würde? Für die Antwort brauchte Kevin Krawietz nicht viel Zeit: „Da hätte ich natürlich auf Zverev getippt“. Mit größerem Vergnügen irrte er sich vermutlich nie; Alexander Zverev verlor im Viertelfinale und machte sich auf den Weg nach Stuttgart, wo er kommende Woche mit einer Wildcard am Weissenhof erscheinen wird. Krawietz (27) hingegen wird an diesem Samstag mit Partner Andreas Mies (28) im Finale des Doppelturniers um einen der ganz großen Titel des Tennis spielen, und das ist nun wirklich ein Coup.
Als der Rheinländer Mies und der Franke Krawietz, der in der Bundesliga für Großhesselohe aktiv ist, vor zwei Jahren bei einem kleinen Turnier in Meerbusch zum ersten Mal miteinander Doppel spielten, hatten beide das Gefühl, aus dieser Verbindung könne was werden. Als sie dann vor einem Jahr in Wimbledon nur knapp in fünf Sätzen gegen die späteren Sieger Mike Bryan und Jack Sock verloren, sahen sie beide darin einen deutlichen Hinweis, dass es für die ganz großen Ambitionen reichen könnte. Und nun fehlt ihnen tatsächlich nur noch ein Schritt zu einer historischen Tat. An diesem Samstag spielen die beiden im Finale der French Open um einen der großen Titel des Tennis, und das kommt ihnen nun doch irgendwie surreal vor.
„Wie fühlst du dich?“, fragte der eine den anderen, als sie nach dem Sieg im Halbfinale gegen die Argentinier Pella/Schwartzman unter der Dusche standen. Aus Deutschland trafen derweil Glückwünsche und Nachrichten vieler Freude ein, die das Spiel live im Fernsehen verfolgt hatten. Andreas Mies sagt, er habe früher immer allen erzählt, wenn die großen Turniere übertragen wurden, eines Tages werde er da auch mitspielen, dann werde auch er im Fernsehen zu sehen sein, und auf einmal sei das alles wahr. Verrückt.
Aber irgendwie auch nicht. Er wolle jetzt wirklich nicht nicht arrogant klingen, sagt Mies, „aber wir waren von Anfang an überzeugt, dass wir das Zeug dazu haben, auch mal ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen und in die Weltspitze zu kommen. Wir mussten einfach die Geduld aufbringen, bis wir die Chance dazu bekommen haben, in die ATP-Tour reinzukommen.“
Am Anfang spielten sie zunächst bei Challenger-Turnieren, in Wimbledon nutzten sie die Chance, sich für das Hauptfeld im Doppel zu qualifizieren, und mit den Punkten, die sie später bei drei Siegen sammelten, öffneten sie sich quasi selbst die Tür zur nächsten Ebene. Mies, der vier Jahre in den USA studierte und dort College-Tennis spielte, entschied sich schon nach einer Knie-OP, nur noch Doppel zu spielen, Krawietz spielte bis vor ein paar Wochen auch Einzel, doch inzwischen sind sie sich einig, dass das Doppelspiel nun doppelt zählt.
Im Februar gewannen sie beim einem Turnier der 250er-Kategorie den ersten Titel auf der ATP-Tour, und mit den Punkten für das Finale im Stade Roland Garros werden beide ab Montag in der Doppel-Weltrangliste zu den besten 30 gehören, und das hatten sie sich vorgenommen, weil man mit dieser Position in jedem größeren Turnier landet.
Die Chemie zwischen dem Franken und dem Rheinländer stimmt; sie sehen sich als eingeschworenes Team. „Wir haben uns gegenseitig auf ein höheres Niveau“, sagt Mies. Im Spiel versuchen beide, beizeiten Gas zu geben, lange Ballwechsel von der Grundlinie zu vermeiden und am Netz möglichst energisch dazwischenzugehen.
Über die historischen Dimension ihres Final-Auftritts gegen die Franzosen Jérémy Chardy und Fabrice Martin sind sie sich inzwischen im Klaren. Zuletzt spielten Marc-Kevin Göllner und David Prinosil 1993 im Finale, der einzige deutsche Titelgewinn in Paris stammt aus dem Jahr 1937 – Henner Henkel und Gottfried von Cramm. Der bis dato letzte deutsche Sieger bei einem Grand-Slam-Turnier ist nach wie vor aktiv – Philipp Petzschner, der mit Jürgen Melzer (Österreich) 2010 in Wimbledon und im Jahr darauf bei den US Open gewann. DORIS HENKEL