Konya – Didier Deschamps wollte sich nach dem Offenbarungseid des französischen Starensembles eigentlich auf die Zunge beißen. „Das war ein Schlag ins Gesicht. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen“, äußerte der sichtlich angefressene Trainer des Weltmeisters nach dem 0:2 (0:2) in der EM-Qualifikation in der Türkei zunächst kurz angebunden – doch dann brach der Frust doch noch aus dem 51-Jährigen heraus.
„Wenn man kollektiv eine solche Leistung abliefert, gibt es nichts Positives mitzunehmen. Wir haben nie zu unserem Spiel gefunden und den Gegner nach Belieben gewähren lassen – wir waren gar nicht da“, schimpfte Deschamps im Anschluss an die erste Niederlage der Equipe Tricolore in ihrer Historie gegen die Türkei: „Wir sollten nun zu unseren Grundtugenden zurückkehren.“
Dass der Coach seine Schützlinge um Kylian Mbappe, Paul Pogba und Antoine Griezmann derart in den Senkel stellte, hatte seinen Grund. Schließlich stand für die Franzosen nicht ein Schuss auf das Tor der Gastgeber zu Buche. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren bekam der gegnerische Torhüter bei einem Spiel von „Les Bleus“ nichts zu halten.
Die französischen Medien gehen davon aus, dass Deschamps heute (20.45 Uhr) in Andorra ein Exempel statuieren und zahlreiche Stars auf die Bank setzen wird. „Es gibt keine Entschuldigungen“, sagte Kapitän Hugo Lloris: „Es ist schwierig, ein Spiel zu gewinnen, wenn man sich keine Chancen erarbeitet und nicht auf das Tor schießt.“ Dazu kamen haarsträubende Fehler in der Defensive. Hätte Torwart Lloris keinen Glanztag erwischt, wäre Frankreich mit einer deftigen Klatsche vom Platz gegangen.
„Mit dem Kopf woanders“, titelte deshalb auch die Sportzeitung L’Equipe und zeigte als Beleg das Foto vom ersten Gegentor auf Seite eins. Kaan Ayhan vom Bundesligisten Fortuna Düsseldorf brachte die Türken in Konya per Kopf in Führung (30.). Cengiz Ünder erhöhte noch vor der Pause (40.). Auch der zweite Düsseldorfer Kenan Karaman konnte auf Seiten der Türken überzeugen, die am Dienstag auf Island (20.45 Uhr) die Frage beantworten müssen, ob sie so stark oder die Franzosen so schwach waren.
Nach dem Seitenwechsel wurde es aus Sicht der Franzosen, bei denen der Münchner Neuzugang Benjamin Pavard in der Startelf stand, nicht besser – daran änderte auch die Einwechslung von Bayern-Star Kingsley Coman nichts. Am Ende verlor Frankreich (zwei Siege, eine Niederlage) die Tabellenführung in der Gruppe H an die Türken, die unter ihrem neuen Trainer Senol Günes den dritten Sieg im dritten Spiel feierten. Günes hatte die Türkei während seiner ersten Amtszeit zum dritten Platz bei der WM 2002 geführt.
Frankreich bot neun Profis auf, die im WM-2018-Finale gegen Kroatien (4:2) von Beginn an spielten. „Die Türkei hat auf Top-Niveau gespielt. Da spielt es keine Rolle, ob man Weltmeister ist oder nicht“, sagte Deschamps: „Wir haben einfach nicht das gebracht, was nötig gewesen wäre.“ sid