Doppelte Freude

von Redaktion

Kevin Krawietz und Andreas Mies schreiben in Paris eine unglaubliche Tennis-Geschichte

VON DORIS HENKEL

Paris – Der Rest des großen Tages und der folgenden Nacht bestand aus Gesängen, aus Trinksprüchen und aus Umarmungen mit Familie und Freunden, mittendrin Kevin Krawietz und Andreas Mies. Die Sonne war längst aufgegangen, als die Feier in einem Pariser Nachtclub zu Ende ging. Aus ihrer spontanen Ankündigung, den Eiffelturm abzureißen, wurde am Ende nichts. „Wir haben uns da leider übernommen“, gestand Mies, „wir waren zwar 50 Leute, aber der Eiffelturm ist doch zu stabil.“ Doch der ganze Rest dieser großartigen Geschichte stimmte, und es ist eine Geschichte, die man zu gern erzählt.

Kann es wirklich sein, dass ein deutsches Doppelpaar aus der dritten Reihe bei seiner Premiere in Paris alle Gegner aus dem Weg räumt und am Ende mit einer Mixtur aus Courage und Können den Pokal gewinnt? Gegen alle, die jahrelang bei diesem Turnier spielen? Aber weil der Sport immer wieder Platz für unerwartete Wendungen hat, gibt es die Geschichte von Kevin Krawietz und Andreas Mies, die am Wochenende den Titel im Stade Roland Garros gewannen.

Nie in den 51 Jahren des Profitennis holte ein deutsches Duo in Melbourne, Paris, Wimbledon oder New York einen der vier großen Titel, und aus der Zeit davor gibt es auch nur den Vergleich mit Henner Henkel und Gottfried von Cramm, die 1937 in Paris und bei den US-Meisterschaften in Forest Hills erfolgreich waren. Mit Partnern anderer Nationen gewannen Michael Stich 1992 in Wimbledon (mit John McEnroe) und Philipp Petzschner (2010 in Wimbledon und 2011 in New York mit Jürgen Melzer aus Österreich), doch damit endet die Liste in Schwarzrotgold.

Aber es gibt größere Dinge als die nationale Komponente. Der Erfolg von Andreas Mies (Köln) und Kevin Krawietz (Coburg), der eine 28 Jahre alt, der andere 27, ist Teil einer Gute-Laune-Geschichte mit einer Botschaft für alle, die im Tennis Ambitionen haben, obwohl sie irgendwann begreifen, dass sie im Einzel nie zu den Besten gehören werden. Wobei Ambitionen nur einen Teil der Verbindung beschreibt. Die Mehrzahl der Spieler, die durch die Welt reist, zumal im weniger populären Doppel, scheut weder Kosten noch Mühen, um einem Traum nachzujagen. Eine Beziehung zu leben, von der andere vielleicht sagen werden, es gäbe nie ein Happyend. In diesem Fall eben doch.

Als Krawietz, der ab dieser Saison für das Bundesliga-Team des TC Großhesselohe spielt, und Mies vor zwei Jahren beschlossen, miteinander zu spielen, wäre kaum einer auf die Idee gekommen, sie könnten stark genug für einen der größten aller Titel sein. Sie selbst sahen die Lage ziemlich schnell anders. Spätestens jener Matchball, den sie 2018 in Wimbledon gegen die späteren Sieger des Turniers, die Amerikaner Mike Bryan und Jack Sock, vergaben, zeigte ihnen, dass sie die Besten im Doppel herausfordern können. Mike Bryan, der mit seinem Zwillingsbruder Bob die meisten seiner 123 Titel, davon 18 bei Grand-Slam-Turnieren, gewann, steht quasi auf dem Mount Everest des Doppelspiels. Aber auf den Gipfeln darunter tummeln sich viele starke Konkurrenten, und dazu gehören jetzt auch Kevin Krawietz und Andreas Mies.

Als es im Finale darauf ankam, mutig zu sein und den französischen Gegnern zu zeigen, dass sie diejenigen sind, die es zu besiegen gilt, machten sie genau das. Überzeugender hätten sie die Aufgabe nicht lösen können, und deshalb dürfen sie nun verdientermaßen in einer anderen Liga spielen. In einer Liga, die ihnen die Chance gibt, ihren Sport zu lieben, ohne dabei Schulden machen zu müssen, weil die Einnahmen nicht ausreichen, um die Ausgaben zu decken. In der sie auch in großen Spielen beweisen können, dass sie so synchron denken und handeln wie in dem Augenblick, als sie nach dem Matchball zu Boden gingen, der eine wie der fassungslose Schatten des anderen.

Es gehörte zu den besten Momenten dieses wunderbaren Tages, als Mies zuerst erklärte, dass er mit dem Preisgeld endlich ein wenig Sicherheit habe, dann aber ziemlich gerührt nachschob: „Ihr könnt mir glauben, mir ist der Titel echt wichtiger als das Geld. Wir hatten beide Tränen in den Augen, und alle in der Box auch. Das sind die Momente, für die wir spielen.“ Sie wollen mehr davon haben, und sie sind zuversichtlich, dass aus diesem Wunsch was werden kann. Warum auch nicht?

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