Ein Spalier, ein Spalier!

von Redaktion

Die neue Nationalmannschaft fühlt sich wie eine U 21 und glaubt an Titel

VON GÜNTER KLEIN

Mainz/München – Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Sommer 2018 von ihren WM-Spielen in den Stammsitz nach Watutinki zurückkehrte, war da bis auf die professionell missmutige Security kein Mensch. Die gute Sitte, dass die Angestellten des Hotels ihre Gäste wie 2010 in Pretoria und 2014 im Campo Bahia mit Beifall begrüßen, wurde voriges Jahr in Russland (auch mangels entsprechender Resultate) einfach nicht gepflegt.

Umso überraschender und schöner für sie, dass die Nationalspieler, als sie am Sonntag in Mainz Quartier bezogen für das nächste EM-Qualifikationsspiel (heute, 20.45 Uhr/RTL) gegen Estland, mit einem Spalier willkommen geheißen wurden. „Schon ein bisschen komisch, wenn man da durchläuft und rechts und links einen alle anschauen“, sagt Serge Gnabry, der noch kein Turnier mit dem A-Team gespielt und daher huldigungsunerfahren ist. Für die, die schon mehr Erfahrung haben als der 23-jährige Bayern-Spieler, war es indes wie eine Reise in vergangene und gute Zeiten.

Schaut mal, das schöne Spalier. Ein Spalier, ein Spalier!

Die erste Saison nach dem WM-Desaster endet heute, und allmählich findet die Öffentlichkeit ihr Interesse und ihre freundliche Einstellung zur Nationalmannschaft wieder. Die Trainingseinheit vor über 20 000 Zuschauern vergangene Woche in Aachen hat Fans und Spieler einander näher gebracht, und inzwischen stimmen auch die Ergebnisse wieder. Das 3:2 in Amsterdam gegen die Niederlande im März 2019 hat den Schalter umgelegt. „Im letzten Jahr hat es nicht geklappt, Siege einzufahren“, sagt Serge Gnabry. Doch nun punktet man wieder maximal, das 2:0 am Samstagabend in Weißrussland war ungefährdet – und so sollte es gegen Estland weitergehen, auch wenn Trainer Marcus Sorg erwartet, „dass der Gegner massiv hintendrinstehen und von Organisation und Struktur leben wird“.

Man könnte natürlich viel, viel besser spielen, als dies in Borissow der Fall war. Wahrscheinlich wäre die Kritik schärfer ausgefallen bei der Mannschaft in alter Besetzung. Doch die, die zu Reizfiguren geworden sind über die Jahre, sind nun nicht mehr dabei (Özil und einige der Bayern-Spieler) oder hatten diesmal Pause (Kroos). Aktuell gibt es kaum Akteure, an denen die Fans sich abarbeiten möchten – und schließlich ist bei der letzten DFB-Maßnahme der Saison sogar der umstrittene Joachim Löw in Folge seines Fitnessstudiounfalls absent. Über seinen Vertreter Marcus Sorg wird sich in der kurzen Zeit niemand echauffieren.

Das Team wirkt noch gesichtslos, man muss es erst kennenlernen. Doch es scheint sich wohlzufühlen in seinem Entwicklungsprozess. „Als wären wir eine U 21“, so empfindet es Gnabry, „wir sind alle jung und relativ vertraut miteinander. Das war schon einmal so, dass viele in einer Gruppe hochgekommen und Weltmeister geworden sind.“ Vor zehn Jahren, 2009, begann die Geschichte der 2014er-Weltmeister mit dem U 21-EM-Titel. Gnabry: „Das kann sich wiederholen.“ 2022, 2026?

Erst mal aber: Estland. Schnöde Pflichtaufgabe. Sorg sagt, es gehe um Stabilität, viel werde er gegenüber Weißrussland nicht verändern. Vielleicht reicht es nochmal für ein Spalier.

Artikel 1 von 11