Borissow/München – Immer wenn Manuel Neuer seinen Kasten verlässt und sich in Spielfeldzonen außerhalb des Strafraums begibt, wird die Erinnerung an Algerien wach. Sein Spiel für die Ewigkeit, das WM-Achtelfinale von 2014 im winterlich kühlen Porto Alegre. Der schlechteste deutsche WM-Kick in Brasilien, ausgedehnt noch um eine Verlängerung. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, hätte nicht Torwart Neuer wie ein Libero verhindert, dass die Nordafrikaner die indisponierte DFB-Abwehr komplett zerlegen?
Knapp fünf Jahre später nun wieder eine Neuer-Szene für Jahresrückblicke und So-wahnsinnig-ist-der-Fußball-Clips: Nahe der Eckfahne jagte er dem Weißrussen Juri Kowalew erst den Ball ab und ließ den Gegenspieler mit einem Haken ins Leere laufen und gar ein wenig tanzen – bis es den Angreifer auf den Hosenboden setzte. Ein Hacke-Spitze-eins-zwei-drei wie auf dem Bolzplatz. In der Kabine blühte nach der 2:0 gewonnenen Partie der Flachs, wie Neuer berichtete: Kollegen sagten, „die Bild-Zeitung schreibt schon, dass ich bei Bayern Robbery ersetzen würde“.
Die Ballfertigkeit von Manuel Neuer war allerdings nur der eine Teil der Geschichte. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass dem Torhüter das Herauslaufen – anders als im legendären Algerien-Match – missglückt war. Er startete zu spät, schaffte es nicht, vor Kowalew am Ball zu sein. Und hatte dann Glück, dass der Weißrusse sich verhaspelte – vielleicht beeindruckt von der Präsenz und der Reputation des Weltmeister-Keepers. Es hätte jedenfalls auch das 1:1 fallen können.
So aber bleibt als Eindruck die Finesse Neuers stehen, dazu kommt sein Reflex bei einem Kopfball von Nikita Naumow, ähnlich der Parade im DFB-Pokalfinale mit dem FC Bayern gegen den Leipziger Poulsen – was zu einer derzeit guten öffentlichen Bewertung des Nationalmannschaftskapitäns führt. Seit zwei Wochen ist wieder Neuer-Frühling, es wird „Weltklasse“ gerufen und „Den hält nur er“; der TV-Kommentator Wolf-Christoph Fuss ließ neulich sogar die (optische) Waage sprechen: „Er ist schlanker geworden.“
Jedenfalls: Derzeit ist Manuel Neuer einer der Gewinner des ersten Länderspieljahrs nach dem WM-Desaster. Bundestrainer Joachim Löws personelle Einschnitte (Müller, Hummels, Boateng in den DFB-Ruhestand versetzt) sind am 33-Jährigen vorübergegangen, obwohl Neuers Bundesligasaison keine gute war. Nach der Hinrunde wurde er in der „kicker“-Rangliste nicht mehr aufgeführt, er hatte eine Daumen- und eine Muskelverletzung. Marc-Andre ter Stegen bekam in Barcelona bessere Kritiken – verletzte sich aber, als Neuer gesund wurde. Und: So schön dribbeln kann er nicht.