Paris – Manches können selbst die Menschen, die ihm nahe stehen, nicht begreifen. Zwölf Titel in Paris? „Überirdisch“, meinte Coach und Freund Carlos Moya, nachdem Rafael Nadal das glorreiche Dutzend ins Schaufenster der Sportgeschichte gestellt hatte. So, wie er während des ganzen Turniers gespielt hatte, vollendete der Spanier das Werk, und am Ende war er wieder so glücklich und gerührt, als habe er zum ersten Mal gewonnen.
Es lag sicher auch daran, dass die letzten Monate des vergangenen Jahres und die ersten in diesem mit diversen Verletzungen nicht leicht für ihn waren. Er startete körperlich angeschlagen und nicht mit den besten Gedanken in seine sonst so heiß geliebte Sandplatzsaison. Noch im Mai während des Turniers in Barcelona dachte er darüber nach, eine Weile Pause zu machen, um dem strapazierten Knochen Ruhe zu geben. Doch er entschied sich dagegen und nahm sich stattdessen vor, an jede kleinste Kleinigkeit mit einer positiveren Einstellung und besseren Attitüde heranzugehen. Aus diesen Kleinigkeiten, so sagt er, habe sich die Steigerung beim großen Ganzen dann schließlich zusammen gesetzt.
Nadals Vertragspartner Nike veröffentlichte zum glorreichen Dutzend in Paris einen kleinen Film, in dem der Spanier auf der einen Seite des Netzes wie ein Verrückter jedem Ball hinterherjagt und auf der anderen Seite im Zeitraffer unterschiedliche Gegner aus vielen Jahren versuchen, dagegen zu halten. Natürlich vergeblich. Einer der ersten in diesem Film ist Carlos Moya, gegen den er vor zwölf Jahren im Viertelfinale von Paris gewann. Je weiter man sich bei der ganzen Geschichte mit Einzelheiten beschäftigt, dessen unglaublicher wird sie. Rafael Nadals Bilanz, 14 Jahre nach seinem ersten Spiel in Paris, steht nun bei 93:2; falls er im nächsten Jahr noch mal gewinnt, macht er die Hundert voll. Und nur zweimal in all den Jahren erkämpften die Gegner in Paris einen fünften Satz gegen Nadal, Djokovic im Halbfinale 2013 und der Amerikaner John Isner in der ersten Runde 2011.
Zwei Sätze lang sah es im Finale gegen Dominic Thiem so aus, als könne es diesmal vielleicht eng werden. Doch als der Österreicher nach dem gewonnenen, spektakulär physischen zweiten Satz zu Beginn des dritten ein klein wenig nachließ, drehte Nadal richtig auf. Gegen jeden anderen hätte es vielleicht trotz der leichten Schwäche in dieser Phase noch gereicht, meinte Thiem hinterher, „aber nicht gegen ihn. Er kam an wie eine Rakete, volles Tempo“. Die Partie endete schließlich nach drei Stunden mit 6:3, 5:7, 6:1, 6:1.
Aber jener Titel, den Nadal am Pfingstsonntag gewann, war ja nicht nur der zwölfte im Stade Roland Garros, sondern der 18. bei einem Grand-Slam-Turnier. Der 33-Jährige weiß, dass die Diskussion, ob er seinen alten Rivalen Roger Federer, 37, und dessen 20 Grand-Slam-Titel übertreffen kann, nun wieder neuen Schwung bekommt. „Wenn Sie mich fragen, ob ich das gern schaffen würde – natürlich“, erklärte Nadal zu Federers Rekord. „Aber ob es ein Ziel in meiner Karriere ist, Roger zu übertreffen? Nein. Dafür steh ich nicht jeden Morgen auf und gehe zum Training. Wenn ich am Ende meiner Karriere näher an Roger herankäme, wäre das unglaublich. Aber falls nicht, ist es genauso unglaublich.“ dh