Mainz – Marcus Sorg, der Aushilfs-Bundestrainer, hat sich früh zurückgezogen – auf die Bank. Es gab an diesem Abend in Mainz nicht mehr viel zu tun, nachdem er zum dritten Mal ausgewechselt hatte. Die deutsche Nationalmannschaft bescherte ihm –und seinem rekonvaleszierenden Chef Joachim Löw daheim vor dem Fernseher – einen grandiosen Abschluss der Saison. 8:0 (5:0) gewann der Weltmeister von 2014 gestern gegen Estland – so hoch wie seit fast drei Jahren nicht mehr (November 2016 gegen San Marino). Sie hat damit nach drei EM-Qualifikationsspielen die Maximal-Punktzahl (9) und liegt in der Gruppe C auf Platz zwei hinter Nordirland.
Allerdings waren die schwachen Esten kein Gradmesser für das junge Team. Die Partie vor 26 050 Zuschauern war bereits nach 20 Minuten entschieden. Deutschland präsentierte sich nicht nur torhungrig, sondern überzeugte mit schwungvollem, fintenreichem Spiel. „Das hätte nicht viel besser laufen können“, sagte Sorg im RTL-Interview. „Die Begeisterung der Mannschaft war ausschlaggebend, solch eine Leistung ist nur mit Zusammenhalt und Motivation möglich. Ich bin sicher, der Jogi wird zufrieden sein.“
Sorg nahm im Vergleich zum 2:0-Sieg am Samstag gegen Weißrussland zwei Veränderungen vor. Leon Goretzka und Thilo Kehrer nahmen die Plätze von Lukas Klostermann und Jonathan Tah ein. Außerdem ließ der Interims-Chefcoach mit Vierer- statt wie zuletzt mit Dreierkette spielen. Aber die Defensive war an diesem Abend ohnehin kaum einmal richtig gefordert. Der erste Schuss auf das Tor von Kapitän Manuel Neuer gelang den Esten Sekunden vor dem Pausenpfiff.
Die Partie fand in der ersten Halbzeit fast ausschließlich in der Hälfte der Gäste statt. Die Esten verbarrikadierten sich am und im Strafraum, aber von Erfolg gekrönt war diese Mauer-Taktik nicht, wie sie schnell feststellten mussten. Es war noch keine halbe Stunde gespielt, da hatten die Deutschen bereits viermal getroffen.
Den Torreigen eröffnete Marco Reus. Der Dortmunder erzielte nach feiner Vorarbeit von Gündogan und Kehrer das 1:0 (10.). Sieben Minuten später legte Serge Gnabry nach, ehe Leon Goretzka per Kopf auf 3:0 erhöhte (20.). Der Münchner wurde bei der nächsten gefährlichen Szene im Strafraum von Tamm zu Fall gebracht, den fälligen Foulelfmeter verwandelte Gündogan souverän (27.).
Die Esten verschoben zwar brav in der Abwehr, scheuten aber die Zweikämpfe, weshalb sich für die deutschen Offensivspieler der Ball oft ganz unbedrängt in den Strafraum befördern ließ. Und da sich die Abspielfehler ziemlich in Grenzen hielten, bekam der überforderte Gegner auch nur selten Gelegenheit, selbst Angriffe vorzutragen. Die Ballbesitzquote mit unter 20 Prozent für Estland zur Halbzeit war ein weiterer Beweis für die Einseitigkeit der Partie. Bevor der türkische Schiedsrichter Palabiyik die erste Hälfte beendete, hatte Reus mit seinem zweiten Treffer noch für das 5:0 gesorgt – ein fein über die Mauer gezirkelter Freistoß.
Nach der Pause schien die DFB-Elf ein wenig Nachsicht mit Estland zu haben – sie nahm ein wenig Tempo aus der Partie, hatte aber trotzdem weiter gute Chancen. Zunächst scheiterte Reus mit einem Dropkick an Torhüter Lepmets, Gnabry war danach erfolgreicher. Der eingewechselte Marcel Halstenberg spielte den Ball von der linken Seite in die Mitte, wo der Münchner Flügelstürmer wartete und den Ball über die Linie schob (62.).
Ein paar Minuten später lag der Ball schon wieder im Netz, aber der Treffer von Leroy Sané war wegen Abseits aberkannt worden – zu Unrecht. Das passierte dem vom FC Bayern umworbenen 23-Jährigen noch einmal. Im dritten Anlauf klappte es dann, Sanés 8:0 (88.) war der Schlusspunkt eines wunderbaren Fußball-Abends.