Es geht ein Riss durch Deutschland. In einer Fußballfrage. Es ist kein Konflikt, der von der Liebe und Abneigung zu bestimmten Vereinen ausgelöst wird. Uneins ist das Land vielmehr in der Gender-Frage.
Es gibt in diesem Sommer einige Überschneidungen zwischen Herren- und Frauenfußball, EM-Qualifikation, Nations Cup-Finalturnier und die EM der kleinen Männer (U 21) auf der einen, die ranghöchste Veranstaltung, Weltmeisterschaft, auf der anderen. Seit Tagen wird verglichen, abgewogen, debattiert: Ist der Pay Gap, die Differenz in den Prämien zwischen den Geschlechtern, noch zeitgemäß und akzeptabel? Ist es unangebracht, sich um Herrn Löws Arterien mehr zu sorgen als um Frau Marozsans Zeh? Und darf man guten Gewissens ein glasklares Männer-Spiel Deutschland – Estland anschauen, während zur gleichen Zeit auf einem anderen Kanal, einem öffentlich-rechtlichen sogar, die amerikanischen Damen kicken, über die man sagt, sei seien im Frauenfußball State of the Art?
Nun ja, sagen wir es so: Ein 8:0, bei dem der gegnerische Torhüter noch einige grandiose Paraden zeigen kann, ist ansehnlicher als ein 13:0, das dadurch begünstigt wird, dass die Torhüterin viel zu klein ist, um an die Latte zu kommen. Ein 13:0 darf es bei einer Weltmeisterschaft nicht geben, ein solches Ergebnis zieht eine Sportart eher ins Lächerliche, als dass es ihr helfen würde. Ein 13:0 bei einem Turnier der angeblich Besten zeigt auf, dass die Entwicklung noch nicht so weit vorangeschritten ist, um mehr Aufmerksamkeit einfordern zu können.
Im Jahr 2006 gewannen die deutschen Männer auch mal 13:0. In San Marino. Es war in der EM-Qualifikation, und man hat dabei mehr Gnade walten lassen als die US-Frauen bei ihrem 13:0 im Jahr 2019. Die mitgereisten Fans forderten damals in San Marino, dass Torhüter Jens Lehmann einen den Deutschen zugesprochenen Elfmeter übernehmen sollte – doch da biss das Gewissen. Es wäre Bloßstellung des Gegners gewesen. Lehmann und Trainer Löw winkten ab. Haltung wurde schließlich auch 2014 im legendären WM-Halbfinale gegen Brasilien bewiesen, als man bei 5:0-Halbzeitführung beschloss, den Kontrahenten nicht weiter zu massakrieren. Diese Zurückhaltung war der noch größere Sieg. Ein 7:1 tat’s dann auch.
Mäßigung und Mitgefühl hätten auch den Amerikanerinnen gut zu Gesicht gestanden. Doch vielleicht ist es ja so, dass Frauen einfach entschlossener, kaltblütiger, empathieloser sind. Diskutieren wir es – ein jeder auf seiner Seite des Risses.
Guenter.Klein@ovb.net