San Francisco – Der größte Kaffeeklatsch der Welt findet in Toronto und Oakland statt. Veranstaltet im Rahmen der Finalspiele der Basketballliga NBA. Wie im Goldrausch graben Journalisten nach den neuesten und verrücktesten Geschichten. Die besten (wie die weniger guten) Fundstücke stellen sie auf Twitter aus. Man erfuhr etwa: dass die Toronto Raptors zu 93,5 Prozent Meister waren, als sie in Spiel fünf drei Minuten vor Ende 103:97 führten. Dass der Meisterpokal schon in den Spielertunnel geschoben wurde und Mitarbeiter die ersten Champagner-Flaschen gen Feld schleppten.
Die NBA hat das Party-Zubehör schnell verschwinden lassen. Denn der Titelverteidiger, der angeschlagen durch den Finalring taumelt, holte zu einem weiteren Schlag aus. Drei Dreier von Stephen Curry und Klay Thompson, den Stars, belebten die Golden State Warriors wieder. Sie liegen nur mehr 2:3 in der Serie zurück. Und doch fragt die ganze Basketball-Welt: Was jetzt?
Die Liga, die für ihr Drama im Seifenopern-Stil bekannt ist, hat einen solchen Abend noch nicht erlebt. Beide Teams pressten Material für eine ganze Staffel in eine winzige Episode. Der Plot im Kurz-Format: Warriors-Star Kevin Durant überrascht alle mit seiner Rückkehr nach einem Monat Verletzungspause. Nach 14 Minuten reißt er sich die Achillessehne. Kanadische Fans feiern seine Verletzung. Ganz schlechter Stil. Toronto sieht wie der Meister aus. Golden State schafft die historische Aufholjagd. Die Folgen dieser 48 Minuten werden die ganze Liga und ihre zig Millionen Fans auf dem Globus über Jahre spüren.
Durants Verletzung hat für eine Debatte gesorgt, die im Grunde längst überfällig war. Reihenweise zwangen sich NBA-Spieler in den Playoffs verletzt aufs Feld – darunter Facharbeiter wie Kevon Looney, der für Golden State mit gebrochenem Rippenknorpel im Finale aufläuft, aber auch Superstars wie Thompson (malader Oberschenkel). Man sah das als Beweis ihrer Männlichkeit an. Erfolg rechtfertigte jedes Risiko. Während eine Reihe seiner Mitspieler angeschlagen antraten, zog es Durant vor, seine Wadenprobleme ausheilen zu lassen. Bis ihn der Druck aller Seiten übermannte. Ärzte, Trainer, Manager und Durant entschieden gemeinsam, ihn im fünften Duell einzusetzen. Ein fataler Beschluss. Wie so oft brauchte es eine Katastrophe, um das System zu überdenken.
Dabei hatten sich gerade die Warriors stets damit gerühmt, das Wohl ihrer Spieler über den Team-Erfolg zu stellen. Das Modell der Zukunft, über das jeder spricht, praktiziert der Gegner. Toronto schonte Star Kawhi Leonard in 22 der 82 Vorrundenpartien. Entsprechend fit tritt er in den Endspielen auf.
Außerdem hat Durants Drama die Spekulationen um seine Zukunft befeuert, die ohnehin seit Monaten die Saison der Warriors überschattet. Bislang galt sein Wechsel nach New York im Sommer als sicher samt eines neuen, hoch dotierten Vertrags. Nun könnte er doch seine Option für das nächste Jahr ziehen, bei den Warriors bleiben, sich auskurieren und erst 2020 nach einem neuen Klub suchen. Spielen wird Durant so schnell nicht mehr. Zehn Monate dauert die Rekonvaleszenz bei einem Riss der Achillessehne. Der Ausfall des Stars sorgt für eine Verschiebung des Kraftfelds, das bislang klar über der Bucht bei San Francisco lokalisiert war.
Mit Durant war der Meister unschlagbar. Ohne ihren Besten stellen die Warriors zwar noch eine der besten Mannschaften, jedoch eine, die verwundbar geworden ist. Curry und Thompson verteidigen das bröckelnde Basketball-Imperium alleine. Das taten sie in Spiel fünf eindrucksvoll: 57 Punkte, zwölf Dreier und den „größten aller unserer Siege“, wie Draymond Green, der spirituelle Anführer, betont. Thompson und Curry gelten längst als die besten Werfer aller Zeiten. Doch: Nur zwei Wunder-Vorstellungen des Duos können den Meister noch retten. Mit einem Sieg würden sie ihrem Team endgültig einen Platz im NBA-Olymp sichern. Bei einer Niederlage endet die größte Basketball-Dynastie des Jahrzehnts.