„Unser Verband ist kein Nobody“

von Redaktion

Wolfgang Kink, 71, scheidender Landesschützenmeister, über ein Leben für den Schießsport

Garching-Hochbrück – Auf seinem Schreibtisch stapelt sich das Papier. „Es gibt noch was zu tun“, sagt Wolfgang Kink. Er muss sich aber beeilen, ein paar Tage noch darf er hier, in seinem Büro im ersten Stock der Geschäftsstelle des Bayerischen Sportschützenbundes (BSSB), bleiben, dann muss er seine Sachen packen. Seit 2008 führt Kink, 71, ein ehemaliger Kriminalbeamter, den BSSB als 1. Landesschützenmeister an. Seit 55 Jahren setzt sich der Münchner für seinen Sport ein, was ihm viele Auszeichnungen eingebracht hat. Am Samstag wird auf der Olympia-Schießanlage in Garching-Hochbrück ein neuer Landesschützenmeister gewählt – und Kink tritt nicht mehr an. Davor redet er aber noch einmal über die Sportschützen, die trotz großer Mitgliederzahl unter dem Radar fliegen, über Verhandlungen mit Horst Seehofer und über die Diskussion um halbautomatische Waffen.

Herr Kink, können Sie genau sagen, wie viele Mitglieder der Bayerische Sportschützenbund – Stand Dezember 2018 – hat?

Ich kann es nicht ganz genau sagen, aber eine Hausnummer abgeben: 470 000. Und in Bayern gibt es ja noch eine Besonderheit: den eigenständigen Oberpfälzer Schützenbund mit ungefähr 30 000 Mitgliedern. Wir können also von einer halben Million ausgehen in Bayern.

In der Statistik des BSSB steht: 468 811. In Bayern haben nur die Fußballer mehr Mitglieder. Trotzdem bekommt man von den Schützen recht wenig mit. Warum?

Die Schützen haben den Fehler gemacht, dass sie sich früher abgekapselt haben. In ihren Vereinsheimen war es so: Tür auf, Schütze rein, Tür zu – da war kein Fremder, kein Zuschauer drin.

2008 stiegen Sie zum 1. Landesschützenmeister auf. Sie sagten, ähnlich wie gerade, dass die Bürger nicht nachvollziehen konnten, was hinter den geschlossenen Toren der Schützenvereine abging. Was geht da eigentlich ab?

Man geht an den Schießstand, packt die Waffe aus – im oberbayerischen Raum sind Druckluftwaffen am verbreitetsten –, konzentriert sich und gibt 40 Schuss ab. Für Außenstehende mag das stinklangweilig sein: immer wieder in den Anschlag gehen, durchschauen, Kimme, Korn und Scheibe in Einklang bringen, den ganzen Körper ruhig halten, dann abdrücken. Das erfordert allerdings höchste Konzentration. Inzwischen gibt es aber auch Disziplinen, wo auch Bewegung drin ist: Bogenschießen, olympische Schnellfeuerpistole oder auch Target-Sprint (eine Art Sommer-Biathlon; d. Red.).

Als Landesschützenmeister wollten Sie vor allem aufklären, was die Schützen so machen. Was haben Sie unternommen?

Wir haben uns Gruppen angenähert, mit denen wir früher nichts zu tun hatten: Gewerkschaften, Elternverbänden, der Kirche, sogar dem Bund der Steuerzahler und sind Mitglied geworden im Bündnis für Toleranz, im Wertebündnis Bayern und sind Gründungsmitglied der Bürgerallianz Bayern. So tauschen wir uns aus, halten kurze Vorträge über das Schießen, es gibt dann oft einen Aha-Effekt: Das haben die Schützen alles gemacht. Es weiß ja fast keiner, dass wir die Ersten waren, die im Dreißigjährigen Krieg Kindergärten eröffnet haben. Danach auch Waisen- und Frauenhäuser.

Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal in einem Vereinsheim waren?

Mein Vater war 2. Schützenmeister in einem Verein am Chiemsee. Mit zwölf Jahren durfte ich das erste Mal mitgehen. Die Eltern sind danach in die Wirtschaft, ich wollte mit, da haben sie gesagt: Na, du gehst heim jetzt! Mit 16 durfte ich auch mit rein, hab’ ein Radler bestellt, fünf Minuten später kam die Bedienung mit Wasser und hat gesagt: Dein Vater hat gesagt, das Wasser langt dir. So war das damals.

Sie kamen trotzdem immer wieder.

Ich habe dann angefangen zu trainieren, habe mir ein altes Luftgewehr gekauft, für damals 30 Mark, damit ging es aufwärts. Aber man hat damals in den 70er-Jahren nicht so sehr auf Meisterschaften hingearbeitet, der Schützenverein war mehr etwas Gesellschaftliches.

Die Schützenvereine in Bayern legen viel Wert auf Tradition. Wie schwer war es als Landesschützenmeister, sie von Modernisierungen zu überzeugen?

Für Modernisierungen sind die Vereine nicht wirklich aufgeschlossen. In einer Ansprache habe ich mal angedeutet, dass man ernsthaft über Strukturreformen nachdenken sollte. Momentan ist es so: Wir haben den Landesverband, acht Bezirke und 106 Gaue, in denen die Vereine organisiert sind. Die Gaue dahin zu bewegen, dass sie sich bei strukturellen Problemen zusammenschließen, das ist ein fast unmögliches Unterfangen.

Ein anderes Beispiel: Wer in einem Schießwettbewerb Zweiter bzw. Dritter wird, dem wird traditionell eine Wurst- bzw. Breznkette umgehängt. Sie wollten das abschaffen. Das kam nicht gut an.

Das stimmt, allerdings ist das für mich auch keine althergebrachte Tradition. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Essen knapp war, hat man den Wurst- und Brezn-König erfunden, damit man zur Feier eine Brotzeit hat. Ich bin immer noch der Überzeugung, mit Lebensmitteln sollte man nicht so umgehen, wie es da manchmal gemacht wird. Ich habe daher empfohlen, davon Abstand zu nehmen. Ein Verbot können wir nicht aussprechen. Das wird aber sofort so ausgelegt.

Sie leiteten 19 Jahre das Oktoberfest-Landesschießen. Gibt es Geschichten, die besonders hängen geblieben sind?

Ich bin jetzt insgesamt seit 55 Jahren dabei, ich könnte ein dickes Buch schreiben. Bevor wir anfingen, elektronisch zu messen, haben immer wieder Schützen versucht, ihr Blattl zu verbessern – mit dem Fingernagel, mit Werkzeugen oder sonst irgendwie. Da sind wir schon einigen auf die Spur gekommen. Zwei Jahre vor dem Wiesn-Attentat haben wir mit mehr als 5500 Schützen einen Teilnehmer-Rekord aufgestellt. Das war wirklich schön, da sind wir aber auch an die Grenzen des Möglichen gekommen.

Vom Breiten- zum Leistungssport: In Rio räumten die bayerischen Schützen bei den Olympischen Spielen ab. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Momentan geht die Entwicklung etwas zurück, weil die Leistungsträger aufgehört haben. Rio war dafür ein toller Erfolg für Bayern, es gab einen wunderbaren Teamgeist. Bei der Verleihung des Bayerischen Sportpreises habe ich später einmal gesagt: Der Bayerische Sportschützenbund hat mehr Medaillen geholt als ganz Österreich zusammen. Das hat Lacher hervorgerufen.

Wie steht es um die nächste Generation?

So ein Talent wie Barbara Engleder findet man in 20 Jahren einmal. Wir müssen jetzt aber zusehen, dass uns in Zukunft kein Talent mehr verloren geht. Es gibt ja die Sportfördergruppe der Polizei, die wir durchgesetzt haben, mit 60 Spitzensportlern. Wer es da nicht schafft, fällt danach eben nicht auf die Straße, sondern kann bei der Polizei weiterarbeiten. In Niederbayern haben wir einen Feldversuch gestartet: Barbara Engleder betreut dort ein Training mit Jugendlichen, die davor in keinem Kader waren. Vielleicht können wir so etwas bayernweit ausdehnen. Wir müssen das Interesse wieder herbringen.

In den Altersgruppen zwischen 14 und 26 Jahren sind die Mitgliederzahlen beim BSSB rückläufig. Hat Ihr Verband ein Nachwuchsproblem?

Ich würde Ihnen zustimmen, wenn auch die Schülerzahlen rückläufig wären, da geht es aber aufwärts. Bei den Junioren, das ist richtig, werden es weniger. Ich halte das für eine Zeiterscheinung. Wenn die Jugendlichen das andere Geschlecht entdecken, wird der Schießsport ins Eck gestellt. Sie kommen mit 25, 30 wieder, wenn sie eine Familie gegründet haben.

Der Ruf der Sportschützen hat in diesem Jahrhundert sehr gelitten: Der Amokläufer von Erfurt 2002 war Mitglied in einem Schützenverein. Der Amokläufer von Winnenden 2009 benutzte die Pistole von seinem Vater, einem Sportschützen. Es gibt weitere Beispiele. Wie gehen Sie damit um?

Sachlich. In Winnenden zum Beispiel war es ein Aufbewahrungsfehler des Vaters. Unseren Mitgliedern sagen wir immer wieder: Waffenaufbewahrung ist das erste Gebot für Sicherheit. In Baden-Württemberg wird das überprüft, aber für 150 Euro pro Kontrolle, das finde ich zu viel. Klar ist aber auch: Eine Glock mit mehr als 20 Schuss hat bei uns im Sportbereich nichts zu suchen.

Warum verbieten Sie solche halbautomatischen Waffen nicht einfach?

Wie gesagt: Die meisten haben wir gar nicht in unseren Disziplinen. Bei uns gibt es halbautomatische Waffen nur im Kleinkaliberbereich, mit fünf Schuss im Magazin. Das Waffengesetz sieht in Zukunft wohl für Kurzwaffen 20 und für Langwaffen zehn Schuss vor. Ich persönlich könnte auch mit weniger leben. Wir waren ja bei Horst Seehofer, der hat uns gefragt, wie viele wir brauchen.

Wie groß ist Ihr Einfluss in der Politik gewesen?

Ich habe stets sachlich argumentiert – und manchmal haben die Argumente halt überzeugt. Ich habe das Waffenrecht studiert, da kann mir keiner ein X für ein U vormachen. In den Gesprächen im Innenministerium habe ich gefordert, zu erleichtern, was nicht gegen die Sicherheit spricht. Man darf sich nicht ins Boxhorn jagen lassen, muss auch mal stur bleiben.

Sie sagten einmal: „Ohne die Schützen und ihre Verbündeten – Fischer, Jäger, Trachtler – wird niemand die höheren Weihen bayerischer Politik erfahren!“ Haben es die Politiker ohne Sie in Zukunft leichter?

Dann kommt mein Nachfolger. Ich hoffe, der traut sich selbstbewusst, auch was zu sagen. Man sieht es ja an unserer Mitgliederzahl. Unser Verband ist kein Nobody.

Interview: Christopher Meltzer

„Die Schützen haben den Fehler gemacht, dass sie sich früher abgekapselt haben.“

„Eine Glock mit mehr als 20 Schuss hat bei uns nichts zu suchen.“

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