von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Thomas Pütz wird am Samstag am Ring sitzen, wenn Tyson Fury und der Deutsche Tom Schwarz in Las Vegas aufeinandertreffen. Am Mittwoch ist er losgeflogen. „Das ist jetzt das dritte Mal in diesem Jahr, dass ich in Vegas bin“, sagt er. Und man denkt: Das muss ja ein schönes Spesenleben sein, das man als Präsident des Bunds Deutscher Berufsboxer (BDB) führt.

Pütz lacht: Nichts mit Spesen. Er ist „wie auch meine beiden Vizepräsidenten ehrenamtlich tätig“, die Geschäftsstelle des Verbandes, der den professionellen Boxsport in Deutschland organisiert, hat die gleiche Adresse und den gleichen Telefonanschluss wie Pütz’ Security-Firma in Kaltenkirchen in Schleswig-Holstein. Im Klartext: Der BDB läuft so mit.

Er ist einer der bekanntesten Sportverbände. Alt, voller Tradition. Dieses Jahr ist der Bund Deutscher Berufsboxer 70 geworden. 303 Faustkämpferinnen und Faustkämpfer sind Mitglieder im BDB. Viel kostet das nicht: Aufnahmegebühr 25 Euro, Jahresbeitrag 62 Euro. Ein Klacks.

Auch wer im Boxen eine Funktion einnehmen und sich dafür lizenzieren lassen will, kann dem BDB beitreten. Ein Zeitnehmer zahlt 15 Euro im Jahr, ein Punktrichter 38, ein Ringrichter 61, ebenso ein Trainer oder ein Veranstalter; mit 102 Euro dabei sind Manager und Technische Leiter. Die Preise sínd seit 2007 unverändert, Ringärzte und Ringsprecher müssen keine Gebühr entrichten. „Von dem, was wir über diese Schiene einnehmen“, sagt BDB-Präsident Thomas Pütz, „können wir gerade das Porto für unsere Briefe bezahlen,“ Die Organisation, die das Profiboxen in Deutschland trägt, ist darauf angewiesen, dass sie Sponsoren und „Freunde des Boxsports“ hat. Die den Laden mit Spenden, Goodwill und eigener Arbeit am Leben halten.

Zu tun hat der BDB mehr als genug. „Ich bin eigentlich jedes Wochenende irgendwo“, sagt Pütz, doch selbst mit dieser Dauerpräsenz kann er nicht alles abdecken. „In Deutschland betreuen wir hundert Veranstaltungen pro Jahr.“ Da ist er fast froh, dass es noch den deutlich kleineren konkurrierenden Verband German Boxing Association (GBA) gibt, der sich um die Events kümmert, die nicht die Standards des BDB (etwa bei der ärztlichen Betreuung) erfüllen.

Dass es einen Markt für Boxabende gibt in Festzelten, Stadthallen, Multifunktionsarenen und Fußballstadien, ist unstrittig. Mit deutscher Lizenz sind derzeit als aktiv gemeldete 405 Männer und 25 Frauen unterwegs. Ihr Beruf, ganz offiziell: Sie sind Boxer.

Und das klingt cool: Boxprofi. Auch wenn man später was ganz anderes macht. „Der frühere Boxprofi“ – es ist ein Siegel für immer.

Jedoch: Ist Boxen ein Beruf, von dem man leben kann? Oder bedeutet es nur, dass man den zu Amateurzeiten getragenen Kopfschutz ablegt und das Trikot auszieht? Und sich die Art des Boxens etwas verändert: weg vom Faustgefecht um Punkte, mehr in die Richtung, auch einmal einen K.o.-Schlag zu landen oder sich darauf einzustellen, dass ein Kampf über zwölf Runden gehen kann, wenn man es als Profi zu etwas gebracht hat und Titel in Aussicht stehen?

„Es sollte so sein, dass man vom Berufsboxen leben kann, ist aber nicht immer so“, räumt Thomas Pütz ein. Man müsse unterscheiden zwischen der Situation global und der in Deutschland. Weltweit ist Profiboxen eine große Nummer, „populärer denn je“, in den vergangenen Jahren stand an der Spitze der bestverdienenden Sportler des Planeten mit Floyd Mayweather meist ein Boxer. In Deutschland habe es „eine Creme de la Creme“ zu Wohlstand gebracht: die Klitschko-Brüder, Henry Maske, Dariusz Michalczewski, Axel Schulz. „Doch es gibt auch Boxer, die am Existenzminimum herumkrebsen.“

Die 90er-Jahre und das 21. Jahrhundert in seinen Anfängen waren die goldene Ära des Berufsboxens in Deutschland. Die Universum Promotion des Hamburger Großgastronomen Klaus-Peter Kohl betrieb ein Gym mit vierzig Boxern, die den europäischen Markt bespielten. Sie bekamen Trainer zur Verfügung gestellt und ein monatliches Gehalt, das sie absicherte und dann mit den Kampfbörsen verrechnet wurde. Stars wie die Klitschkos und Felix Sturm brachen aus dem System aus, erhofften sich mehr, wenn sie als Unternehmer in eigener Sache auftreten – für die Masse indes war es eine gute Sache, einem „Stall“ anzugehören. Doch als ZDF und ARD ihre Verträge nicht verlängerten und aus dem Boxen ausstiegen, war Universum nicht mehr existenzfähig. Heute ist der einstige Universum-Rivale Sauerland – mittlerweile in zweiter Generation geführt – der Branchenprimus, die Magdeburger SES dahinter. Ein Aufsteiger der letzten Jahre ist der Dachauer Alexander Petkovic, früher selbst Profi bei Universum. Am ersten Juli-Samstag wagt er sich erstmals in ein Fußballstadion (in Wiesbaden).

Doch in den großen Boxställen können bei weitem nicht alle unterkommen. Und so ist für viele Berufsboxer das Boxen doch eher ein Nebenjob. In den sie durch Zufälle hineingeraten. Wie Guido Fiedler. Er war ein Kickboxer mit regionaler Reputation in Bayern, arbeitete bei einem Sicherheitsdienst, der eine Veranstaltung des Münchners Roland Suttner („Boxfabrik“) betreute. Suttner fiel der Körperbau Fiedlers auf, er fragte ihn spontan, ob er nicht Boxprofi werden wolle. Ein paar Monate später gab Fiedler sein Debüt, das war im Januar 2006. In zwölf Jahren bestritt er 26 Kämpfe, von denen er 25 gewann. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einer Kampfsportschule.

Oder Armin Dollinger. Bei seinem ersten Profiboxkampf war er bereits 33. Der Spätstarter kam in der Weltrangliste bis auf Platz 40 vor, stand aber weiter hinterm Tresen seines Münchner Lokals „Hirschenwirt“.

Bei den Frauen genügt nicht mal ein Weltmeistertitel, um allein vom Boxen zu leben. Christina Hammer, die Bekannteste, modelt. Nikki Adler, ihre Rivalin, derzeit pausierend, hatte eine Halbtagesstelle als Briefträgerin, die Augsburger Tina Rupprecht, bei Petkovic unter Vertrag und Champion im Minimumgewicht, ist im Schuldienst.

Alexander Petkovic schätzt, dass „50 Boxer in Deutschland vom Boxen leben können. Maximal.“ Er sagt, er bezahle ein festes Gehalt, dazu kommen die Gagen. Aber lediglich drei seiner Kämpfer würde er als „Vollprofis“ bezeichnen, die monatlich 6000 bis 8000 Euro verdienen. Serge Michel, einen ehemaligen deutschen Olympiaboxer, den Berliner Nick Hannig (Weltranglisten-50. im Leichtgewicht) und Schwergewichtler Petar Milas, Kroate, mit 23 bereits die Nummer 30 der Welt.

Wie oft steigt ein Profi in den Ring? Das ist höchst unterschiedlich. Über Jürgen Brähmer wurde von Kollegen in seiner Anfangszeit gelästert, „dass er oft boxt, um seinen Mercedes schneller abzubezahlen“ – in den Jahren 2000 und 2001 brachte er insgesamt 20 Kämpfe unter. Jetzt ist er 40 und absolviert noch ein, zwei Kämpfe pro Jahr (diesen Samstag etwa in Schwerin ist wieder einer).

Vielboxer sind die „Journey Men“, die oft auf die Schnelle gebucht werden. Sie leben von den Gagen, die sie dafür bekommen, ein verlässlicher Verlierer zu sein – und sollten es nur vermeiden, k.o. zu gehen, denn sonst tritt eine Schutzsperre in Kraft.

Womit ein Boxer sonst noch Geld verdienen kann: Sparring. Allerdings wird man damit nicht reich: Selbst die Klitschkos bezahlten ihren Partnern pro Woche nur 500 Euro (nebst Kost, Logis).

Die Klitschko-Brüder Vitali und Wladimir sorgten für die letzten großen Fernseherlebnisse, seitdem sind die Anstalten zurückhaltend geworden. Man hofft auf den Streamingdienst DAZN, der, so Thomas Pütz, der BDB-Präsident, „mit Wahnsinnssummen um sich schmeißt“ – aber nur für die internationale Spitze. Alexander Petkovic hatte wechselnde TV-Kooperationen, wurde noch mit keiner glücklich. Er denkt, „dass wir ein geiles Programm bieten – doch wir erreichen nicht sofort ein Millionenpublikum“.

Für die Zuschauer ist es freilich auch schwer, den Überblick zu behalten mit der durch die Vielzahl von Weltverbänden (fünf große, diverse kleine) entstandene Titelflut. Weltmeister, Interims-Weltmeister, Interkontinentalmeister, Kontinentalmeister. Allein in den kommenden Monaten sind weltweit 219 Kämpfe angesetzt, in dem es um mindestens eine nationale Meisterschaft geht. Es ist inflationär.

Alexander Petkovic spricht ehrlich über sein Geschäft: „Nicht jeder, der sich Weltmeister nennt, ist einer. Für mich ist Weltmeister einer, der, wenn er aufhört, es sich ein paar Jahre gut gehen lassen kann.“

Das können die wenigsten.

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