Stehauffrau im Rampenlicht

von Redaktion

Rückkehrerin Hegering als Lichtblick beim DFB

VON FRANK HELLMANN

Montpellier – Mittelalterliches Ambiente, mediterranes Flair: Marina Hegering musste am Freitag gar keinen Hehl daraus machen, dass der freie Nachmittag in Montpellier bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft besser nicht hätte passen können. „Wir sind einfach mal durch die Gassen geschlendert“, sagte die 29-Jährige, „die Stadt hat viel Potenzial.“ Atmosphäre schnuppern, nannte es die Abwehrchefin, um dann konzentriert das letzte Gruppenspiel gegen Südafrika (Montag 18 Uhr/ ARD) anzugehen. Das Achtelfinale hat man sicher, ein Remis reicht sogar zum Gruppensieg, um vor allem ein Aufein-andertreffen mit Weltmeister USA in Achtel- und Viertelfinale zu vermeiden.

Bislang gilt die Nummer fünf als eine der Entdeckungen des Turniers. Eine stabile Stütze, die im Zusammenspiel mit ihrer Mitstreiterin in der Innenverteidigung, Sara Doorsoun, auch menschlich auf einer Wellenlänge funkt. „Maschina“ wurde Hegering vor der Saison 2017/2018 von der Nationalmannschaftskollegin bei der SGS Essen getauft. Indes: Dass Hegering noch mal für die Nationalmannschaft spielen würde, lag ungefähr so weit weg wie Montpellier von Bocholt. Ihrer Geburtsstadt.

Rückblende: Hegering galt früh als großes Talent, gewann 2010 mit der heutigen Kapitänin Alexandra Popp in Deutschland die U20-WM, mit dem FCR 2001 Duisburg danach den DFB-Pokal und Uefa-Cup, doch dann verschwand sie nach einer Fersenverletzung für lange, lange Zeit von der Bildfläche. „Eigentlich keine Riesensache, aber es gab es nach der ersten Operation eine Wundheilungsstörung. Und das hat sich sehr lange gezogen. Es gab mehrere Operationen, und es hat sehr lange gedauert, bis alles in Ordnung war: sechs Jahre in allem.“

Sie sagt das inzwischen fast ohne Regung. Die Spätstarterin mit den Sommersprossen empfindet ihr Comeback als großes Glück, weil sie zwangsläufig den Fokus weg vom Fußball lenken musste. Auch mit ihrem Studium konnte sie sich nicht ablenken, „das hat weniger gut funktioniert, weil ich Sport studiert hatte.“ So absolvierte sie noch eine kaufmännische Ausbildung im Bayer-Konzern, nachdem sie 2011 zu Bayer Leverkusen gewechselt war. Nachdem sie dann doch wieder in der Bundesliga Fuß fasste, bestritt sie ihr erstes Länderspiel erst am 6. April in Schweden (2:1).

Danach gegen Japan (2:2) und Chile (2:0) wurde sie von deutschen Fans gleich zweimal zur „Spielerin des Spiels“ gekürt. Nun hat sie dazu beigetragen, dass es gegen China (1:0) und Spanien (1:0) noch kein Gegentor gab. Die Aufgaben in der Abwehrzentrale sind nach den individuellen Stärken verteilt: Die eine (Hegering) ist für die Kopfball-, die andere (Doorsoun) für die Laufduelle zuständig. Doch während Doorson zuerst der gewaltige Druck zu schaffen machte, spielte Hegering ohne große Last. „Emotional habe ich eine andere Wahrnehmung. Ich genieße einfach die Zeit hier.“

Von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wurde sie ja ganz bewusst für eine tragende Rolle ausgesucht: „Ihre Lebensgeschichte ist etwas Besonderes. Diese Erfahrung hat sie geprägt.“ Die Trainerin schätzt Organisationstalent, Aufbauspiel und Abgeklärtheit. Was Hegering besser kann als früher, vermag sie selbst kaum zu sagen. Nur dies: „Ich habe ganz andere Erfahrungswerte. Die verlorenen Jahre steckt man nicht einfach weg.“

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