Es soll ja Leute geben, die erleichtert durchgeatmet haben, als der FC Bayern endlich seinen siebten Meistertitel in Folge, dann den x-ten Pokalsieg eingefahren hatte, das Finale der Champions League gespielt war und endlich die fußballerische Saure-Gurken-Zeit beginnen sollte. Leid der endlosen Debatten in Büro und Kantine, ob nun der Kovac schuld ist, dass Rummenigge nicht schon Ostern die Meisterschaft feiern konnte (was zwingend zum bayerischen Selbstverständnis gehören sollte), ob sich der Gnabry unter Wurstfabrikant Hoeneß vegan ernähren darf oder ob Boateng eigentlich zuletzt mehr Profi war oder schon Hollywood-Star.
Die zarte Hoffnung auf fußballfreie Tage aber war schnell dahin, spätestens Freitag letzter Woche. Wer, wie üblich zur besten Sendezeit, im ZDF den neuen Alten sehen wollte oder die Letzte Spur Berlin suchte, stieß stattdessen auf Fußball. Frankreich gegen Südkorea, hätte uns nicht mal vom Hocker gerissen, wenn da Griezmann und Mbappe gespielt hätten, stattdessen kickten Frauen. Zwar nett anzusehen, aber wirklich die spannende Abendunterhaltung nach einer anstrengenden Arbeitswoche?
Das aber war erst der Auftakt für ein Pfingstwochenende, an dem innerhalb von vier Tagen sieben Spiele live zu sehen waren, 630 Minuten plus Nachspielzeit und Nachtarock. Wer dank seines Wohnorts nahe der Grenze auch noch ORF empfängt, kam sogar auf satte neun Begegnungen, neben so packenden Partien wie Argentinien gegen Japan (Frauen) auch noch „richtigen“ Fußball, mit Portugal – Holland (Finale Nations Cup), Weißrussland – Deutschland oder Nordmazedonien – Österreich (EM-Quali). Alles übrigens im Free-TV, da sage noch einer, Live-Fußball im Fernsehen sei nur noch gegen Extra-Bezahlung zu haben.
Und die Woche ging so weiter, Dienstag Neuseeland – Niederlande (Frauen), Deutschland – Estland (Männer), Mittwoch, als absolutes Muss für Hardcore-Fans des Frauenfußballs, Nigeria – Südkorea, dann Deutschland mit dem neuen Liebling Giulia Gwinn (Nomen est omen) gegen Spanien, Donnerstag und Freitag noch mal drei Partien der Frauen-WM und als Alternative zu Jamaika – Italien setzte Arte, der Kultursender, eine Doku über Frauenfußball in Kabul. Plötzlich quillt einem Fußball aus dem Fernsehen entgegen in einer Intensität, die man nicht mal in den Zeiten vor dem Rückzug des Kommerzfußballs hinter die Bezahlschranke kannte (was wohl auch daran liegt, dass Frauenfußball noch so günstig zu bekommen ist, dass ihn sich sogar die Öffentlich-Rechtlichen locker leisten können).
Das Gute ist für die Leute, die sich mal nach einer Fußballpause gesehnt haben, dass über Frauen-Fußball, das ist empirisch belegt, weniger diskutiert wird in Büros und Kantinen. Weil man über die Mädels zwar weiß, dass sie keine Eier, dafür aber Pferdeschwänze haben, nicht aber, ob sie vielleicht mit einem Youtube-Influencer liiert sind, einem twitternden Dressurreiter oder was sie sonst privat so treiben. Zeit zum Durchatmen aber bleibt kaum, am Montag beginnt die U21-EM (Männer), mit Fußballern, die man schon eher kennt. Namen wie Klostermann, Tah, Dahoud, Eggestein oder Neuhaus sind einem aus der Bundesliga geläufig. Und wenn dann endlich wieder Ruhe einkehrt, beginnt schon die 3. Liga wieder.
Ein bisschen überraschend kam ja schon, dass wir in einem eigentlich fußballfreien Sommer zwischen WM und EM doch Fußball mehr als satt bekommen, als Trost quasi, dass die wirklich großen Spiele der Bundesliga und der Champions League wieder im Pay-TV verschwinden? Wer nun aber noch auf ARD und ZDF schimpft, weil sie im Rechtepoker nicht ernsthaft mitgemischt haben, den werden die Sender an den Sommer 2019 erinnern. Als sie Fußball bis zum Abwinken boten. Und sage bloß keiner, war ja vor allem Weiberkick. Damit wäre man entlarvt als hoffnungsloser Macho.
Im Free-TV geht das Spiel in diesem Sommer einfach weiter und weiter.