Toronto – Dies ist das Märchen von Kawhi Leonard, König des Nordens. Es beginnt und endet im Zentrum des Basketball-Universums – in der Oracle Arena in Oakland auf der hässlichen Seite der Bucht von San Francisco. Die Golden State Warriors haben dort das Fundament ihres NBA-Imperiums errichtet, das drei Meisterschaften gewann und eine Liga tyrannisierte. Kawhi Leonard hat es eingerissen.
Anfangs war seine Geschichte eine voll von Qualen. Der junge Anführer der alten San Antonio Spurs stolperte im Halbfinale 2017 über einen Fuß, den sein Gegenspieler mutwillig ausgefahren hatte. Mit dem Helden stürzte der Vorzeigeclub ins Chaos. San Antonio verlor die Serie, und ein Jahr darauf seinen Superstar. Im Hintergrund begannen die Zankereien zwischen Leonards Entourage und den Spurs-Bossen. Man war sich uneinig über die Behandlung seiner Verletzungen. Als einzigen Ausweg aus dem Labyrinth an Lügen und Leiden sah der Gefallene einen Wechsel. San Antonio kam der Forderung nach und schickte ihn nach Toronto zu den Raptors.
Elf Monate später umringen ihn etwa 2000 Kanadier in der Oracle Arena. Seine rechte Pranke – größer als eine handelsübliche Bratpfanne mit 24 Zentimetern Durchmesser – packt die Meistertrophäe, die erstmals an ein kanadisches NBA-Team geht. Und der Mann, der niemals lacht, grinst auf einmal doch.
Roboter sagen sie zu ihm in Nordamerika, manchmal nennen sie ihn auch den Außerirdischen, weil er so wenig menschliche Züge aufweist. Leonard hat der Welt noch nie einen Einblick in sein Inneres gewährt. Aus seinem Leben erzählen andere. Während der Finalspiele der NBA hat man Vieles ausgegraben, das zur Mythen-Bildung um den 2,01-Meter-Riesen beitragen wird. In seiner Jugend soll er morgens mit Gaslampen in die Halle geschlichen sein. Es gab keinen Strom. Leonard wollte vor allen anderen trainieren. Bei den Spurs nahm er’s mit einer Maschine für Super-Kniebeugen auf, die den Teamkollegen höllische Schmerzen zufügte. Seine Athletiktrainer erhöhten die Last – bis nicht Leonard, sondern die Anlage zerbrach. Stille und Ehrfurcht fluteten danach den Kraftraum. Mitspieler Kyle Lowry bekräftigt zwar, Kawhi habe auch Humor – „einen sehr trockenen“. Doch diese Seite verbirgt der Star aus Los Angeles in der Regel vor den Kameras.
Zu sehen bekommt die Welt einen „stillen Killer“ (noch ein Spitzname), der in dieser Hinsicht sehr einem gewissen Michael Jordan ähnelt. Leonard hat als Teenager stundenlang Filmaufnahmen seines Idols studiert. Doch Jordans größtes Talent lässt sich nicht kopieren, es ist angeboren, und es steckt in Leonard. Wie der Superstar der 1990er Jahre gelingt es dem 27-Jährigen, unter größtem Druck am besten zu spielen. Entscheidende Würfe verwandelt Leonard mit einer Kälte, die dem Gegner und seinen Fans alle Energie raubt.
Sein jüngstes Opfer ist zugleich das prominenteste. Die Warriors haben die vergangenen fünf Spielzeiten der NBA dominiert. Sie starteten als Favorit in die Endspielserie, obwohl Kevin Durant, ihr Bester, nur im fünften Duell auflief. Seinen Ausfall verkrafteten sie nie. Bei Spiel vier, daheim in der Oracle Arena, sahen Millionen zu, wie die Dynastie langsam zu zerfallen begann. Im dritten Viertel – über Jahre Ausdruck der Überlegenheit Golden States – zog Toronto davon. In einer Sequenz traf Leonard innerhalb von zehn Sekunden zwei Dreier und schuf damit DEN Moment der Finals. Seitdem feiert Amerika ihn als besten Basketballer der Welt. Nicht schlecht für einen Spieler, in dem die Talentsichter früher nicht mehr als einen Edelverteidiger erkannten.
Schon einmal, 2014, hatte Leonard für eine Neuordnung der NBA gesorgt, als er mit San Antonio die Ära der Miami Heat beendete. Für ihn ist der zweite Titel die ultimative Rache an Golden State und der Oracle Arena nach allem, was 2017 geschehen war. Die Heimat der Warriors wird im Sommer abgerissen. Sie ziehen nach San Francisco. Das Team, das den Sport revolutioniert hat, taumelt in eine ungewisse Zukunft.
Die neue Blaupause für Erfolg, die sich wie ein Virus auf alle Mannschaften übertragen dürfte, hat Kawhi Leonard geschaffen. Respektive der Schotte Alex McKechnie, der Direktor für Sport-Wissenschaft in Toronto. Er verordnete, den Superstar in 22 der 82 Spiele zu schonen. Sein Körper sollte heilen, er sollte Kräfte für die Playoffs sparen. Während die Gegner Runde für Runde körperlich abbauten, hielt Leonard seinen Standard selbst gegen den angeschlagenen Meister, der über viele Verletzte klagte, mit durchschnittlich 29 Punkten pro Partie. In Kanada brach nach dem entscheidenden 114:110-Erfolg Freitagnacht der Wahnsinn aus. Millionen feierten auf den Straßen – alleine 59 offizielle Fanmeilen registrierte man landesweit.
Selbst Kawhi Leonard tat Dinge, die er noch nie getan hat. Er tanzte. Mit einer Skibrille auf dem Kopf. Um dem Champagner-Regen standzuhalten.
Doch die Basketball-Welt dreht sich schnell. Einen Tag nach dem Titelgewann sprach die Liga schon wieder über den anderen, den selbsternannten König, also den im Süden, LeBron James und sein Team. Die Los Angeles Lakers haben sich mit Anthony Davis einen der begehrtesten Stars erhalten. Sie beteiligen sich auch am Wettbieten um Leonard. In zwei Wochen entscheidet er über seine Zukunft. Der Vertrag läuft aus. Bislang ging man von einem Wechsel nach Kalifornien, nach Hause, aus. Aber der historische Lauf könnte seine Gefühlslage geschüttelt haben. Wie andere sagen, habe Leonard schon ein Haus in Toronto gekauft. ANDREAS MAYR