Geldpaket mit Sprengkraft

von Redaktion

1860-Führung will Sponsorendeal mittels 50+1 fixieren – gegen Ismaiks Willen

VON ULI KELLNER

München – Günther Gorenzel legte sein aufnahmebereites Handy auf den Tisch, als er die Reporter im 3. Stock der Geschäftsstelle empfing. Der Sportchef des TSV 1860 wusste, dass er sich auf juristisches Glatteis begab. Im Auge des Gesellschafter-Hurrikans, in dem er sich befindet, kann jedes Wort ein falsches sein – da schadet es nicht, wenn man sich die Hoheit über die eigenen Aussagen mittels Audio-Mitschnitt sichert.

Gorenzel war aber auch so vorsichtig genug bei seinen Ausführungen. Er bereitete nicht nur die Presse auf einen Deal mit Sprengkraft vor, sondern zugleich die Investorenseite, deren Ärger er sich tunlichst nicht zuziehen will. Der Österreicher sagte daher „Vereinsstatuten“, wenn er 50+1 meinte – und trotzdem war jedem klar, was in den nächsten Tagen folgen wird: Die Vereinsführung um Präsident Robert Reisinger scheint fest entschlossen zu sein, den Machthebel namens 50+1 zu ziehen, um gegen den Willen von Hasan Ismaik den mit Hauptsponsor Die Bayerische ausgehandelten Sponsorenvertrag zu besiegeln.

Dieser sieht vor, dass der Versicherer aus Neuperlach die Namensrechte am Nachwuchsleistungszentrum erwirbt (für zwei Jahre und sofort fällige 500 000 Euro) und zusätzlich sein bestehendes Sponsoring ausdehnt (von ungefähr 800 000 Euro auf 1,1 Millionen). Der Mehrheitsgesellschafter hat bis zuletzt versucht, diesen Deal zu verhindern, der den Minderheitsgesellschafter (e.V.) etwas unabhängiger machen würde – für Ismaik dagegen einem Machtverlust gleichkäme. Gorenzel machte deutlich, dass er als Co-Geschäftsführer (neben Michael Scharold) in dieser Angelegenheit nur ausführendes Organ wäre. Wie überhaupt er als Sportverantwortlicher eher ungern in Geschacher um Geld hineingezogen wird. „Ich kenne alle Zahlen, aber ich kann nicht jede Buchung in der Buchhaltung überprüfen“, sagte er: „Es ist auch so, dass vier Wirtschaftsprüfer zwei Monate im Haus waren und 50 Stunden pro Woche alles überprüft haben. Ich habe mich intensiv mit ihnen ausgetauscht – und wenn sie dann zu einem Ergebnis kommen, dann muss ich das als gegeben hinnehmen.“

Gorenzel, der Sportchef, weiß nun jedenfalls, dass Geld fließen wird. Allerdings betont er: Nicht in einem Ausmaß, dass plötzlich größere Sprünge auf dem Transfermarkt drin wären. „Mir wäre es viel, viel lieber gewesen, wir hätten im März/April Handlungsspielraum gehabt, um gewisse Dinge einzufädeln“, sagte er: „Jetzt ist es eine Kurskorrektur. Aber besser jetzt eine Kurskorrektur als erst im August.“

Drin sei jetzt zum Beispiel die Verpflichtung eines gestandenen Innenverteidigers. Gorenzel spricht von einer „absoluten Nummer eins auf dieser Position“, von einem Profi, der schon in der 2. und 3. Liga gespielt habe. Dieser Spieler, der vom Profil her der vereinslose Ex-Ingolstädter Marvin Matip, 33, sein könnte, ist für die nächsten zwei Jahre als Führungsspieler eingeplant. Im Sturmsegment dagegen hängen die Trauben für 1860 weiterhin hoch. Mehr als ein Leihspieler sei nicht finanzierbar, betonte Gorenzel. Die Vorgabe, kreativ zu sein, würde auch weiterhin alles Denken und Planen bestimmen.

Vor allem im Abwehrbereich wird das sichtbar. Um sich für Engpässe zu wappnen, wird Herbert Paul aktuell zum Innenverteidiger umgeschult. Auch die Beförderung von U 21-Mann Marco Raimondo-Metzger zum Profi soll in dieser Woche über die Bühne gehen. Als Backup könnte dann künftig Niklas Lang, 17, fungieren. Dessen schon fast beschlossener Verkauf an den VfB Stuttgart wurde gestoppt – wegen des Abstiegs der Schwaben. Und weil die Löwen ja plötzlich doch in bescheidenem Maße handlungsfähig sind.

Gorenzel ist froh, dass die besten Talente nun im eigenen Stall bleiben – auch Leon Klassen, 19, den drei russische Erstligisten wollten. Sicherheitshalber appelliert der Sportchef an die Geduld der Fans: „Wir werden eine junge Mannschaft haben, die Zeit benötigt.“ Pfiffe von den Rängen seien auf diesem Weg hinderlich. Und was die Personalie Daniel Bierofka angeht: Der Trainer stehe auch bei einer Niederlagenserie „nicht zur Diskussion“. Im Gegenteil: „Daniel ist nicht nur unsere Identifikationsfigur Nummer eins, sondern auch ein Anker in den ganzen Problemfeldern, die wir haben. Ich bin erleichtert, dass er weitermacht.“

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