Grenoble – Kartenspiele stehen bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gerade hoch im Kurs. Damit wird sich nicht nur im Kurort Uriage-les-Bains im Team die Zeit vertrieben, sondern Spielkarten sind auch im Sportkomplex Paul Bourgeat in Gières vor einem Training wichtig: Damit teilte nämlich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ihren Kader am Mittwoch in drei Gruppen ein, die sich zum Faszientraining, Laufen oder zur Ballschule begaben. Doch bevor es überhaupt vor dem beeindruckenden Alpenpanorama losging, hatte sich Almuth Schult schon auf eine blaue Matte gelegt, um ihre Beinmuskeln mit der Rolle geschmeidig zu machen.
Die Nummer eins geht eben gerne voran. Und die Torhüterin ist auch diejenige, die vor der „Leistungsprüfung“ (O-Ton Schult) im Achtelfinale (Samstag 17.30 Uhr/live im ZDF) warnt: „Wenn wir da verlieren, können wir uns von den drei Gruppenspielen nichts kaufen.“ Trotz der fußballerisch noch sehr durchwachsenen Vorrunde glaubt sie: „Andere Mannschaften haben Angst vor uns.“ Ist das wirklich so? Eigentlich war die 1,80-Meter-Frau die einzige respekteinflößende Größe.
Noch ist die Doublegewinnerin vom VfL Wolfsburg bei der WM ohne Gegentor. Nur die Torhüterin findet jedwede Vergleiche zu 2007, als Nadine Angerer mit sechs Zu-null-Siegen die DFB-Frauen zum Goldpokal führte, fehl am Platze. „Mit dem Finale wären es noch vier Spiele. Es wird nicht mehr möglich sein.“
Schult ist inspiriert von Oliver Kahn, ohne ihn als Vorbild zu nennen. „Aber die WM 2002 war die erste, die ich intensiv verfolgt habe. Das motiviert einen. Und er konnte eine Mannschaft wachrütteln.“ Sie kann genauso klar und kritisch formulieren.
Dabei orientiert sich Schult durchaus an ihrer Vorgängerin Angerer. Und ihre Lenkungsfunktion übt sie fast ähnlich aus wie die Mützenträgerin, die am Ende für die meisten Mitspielerinnen so etwas wie die große Schwester darstellte, die den jüngeren immer erklärte, was man darf und was man nicht darf. Genau wie früher Angerer tickt auch Schult anders. Sie hat als Einzige ein Einzelzimmer. Mitspielerin Lina Magull sagte am Mittwoch: „Sie ist schon ein spezieller Typ. Sie spielt gerne den Klugscheißer. Meistens hat sie ja auch Recht, weil sie so viel weiß.“ Spitzname im Mannschaftkreis: „Almuth allwissend.“
Es war nicht absehbar für diese WM, dass Schult in Frankreich gleich eine Stütze werden würde. „Es war kein einfaches Jahr. Eines der schwierigsten. Auch vom Kopf her“, sagt sie selbst. Ihre Pechsträhne begann mit einer Masernerkrankung im Trainingslager im Winter. Was bei Kindern vergleichsweise glimpflich ausgeht, wird bei Erwachsenen gemeingefährlich. Sie konnte nichts mehr essen und trinken, verlor viel Gewicht, bekam eine Bindehautentzündung, Ohrenentzündung und Zahnfleischentzündung.
Nach ihrer Rückkehr patzte sie im April gegen Japan (2:2) zweimal schwer, anschließend machte ihr eine Schulterverletzung zu schaffen, über deren genaue Diagnose Stillschweigen vereinbart wurde. Zeitweise war die WM-Teilnahme in Gefahr. Niemand steht mehr für das Teammotto „allez maximal“ wie die Madame maximal.
„Sie ist eine eigene Persönlichkeit mit einem eisernen Willen, die manchmal besondere Zuwendung braucht“, erzählt Michael Fuchs. Der gebürtige Nürnberger arbeitet seit 2007 als DFB Torwarttrainer. Das Vertrauensverhältnis ist eng. Über Erlebnisse wie 2008 bei der U17-WM in Neuseeland schmunzeln beide heute noch. „Er ist dafür verantwortlich, dass ich eine schiefe Nase habe“, verriet Schult. Sie hatte beim Ausschießen den Ball ins Gesicht bekommen, was dann immer wieder passierte, obwohl Fuchs das statistisch ausgeschlossen hatte. Der 49-Jährige ist überzeugt davon, dass Schult dieselben Anlagen wie Silke Rottenberg oder Nadine Angerer besitzt, die an den WM-Titeln 2003 und 2007 maßgeblich beteiligt waren. Wer bitte stand beim Olympiasieg 2016 bereits im Tor? Jawohl, Almuth Schult. Fuchs erinnert an einen „großen Titel, der noch fehlte“. Wie der dritte Stern.