Grenoble – Drei Tore geschossen, wieder keines eingefangen – und nun scheint alles möglich. Mit dem Sieg gegen Nigeria im Achtelfinale von Grenoble bieten sich für die deutschen Fußball-Frauen bei der WM in Frankreich auf einmal prächtige Perspektiven. Anders als die Männer in Russland leistet sich die Auswahl von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg kein WM-Versagen, sondern setzt ein Statement, dass die oft beschworenen deutschen Tugenden gerade wieder en vogue sind: Eine vorzügliche Torhüterin und aufmerksame Abwehr, starke Standards und enorme Willenskraft sind die Trümpfe dieser Mannschaft, die das vor jedem Spiel ausgerufene Motto „Allez maximal“ umsetzt.
„Wir haben in jedem Spiel das rausgeholt, um das Spiel zu gewinnen. Diese Mannschaft hat einen unheimlichen Charakter, auch wenn wir noch nicht so glanzvoll Fußball spielen. Aber ich habe immer gesagt: Wir sind in einem Prozess“, bilanzierte Voss-Tecklenburg. Erst für den Sonntagabend war die Weiterreise vom Flughafen Lyon nach Rennes angesetzt, wo die deutsche Delegation nun in das geschätzte Golfresort in Bruz zurückkehrt, wo die WM-Reise begann. „Ich bin sehr froh, dass wir einmal durchatmen, einen Tag mal komplett freimachen können“, sagte Voss-Tecklenburg.
Die 51-Jährige kündigte an, im Viertelfinale wieder auf Dzsenifer Marozsan zu setzen. Ihr kam in der bisherigen Bewertung die Bedeutung der mit einem Bruch der Mittelzehe ausgefallenen Spielmacherin offenbar deutlich zu kurz: „Uns fehlt eine der besten Fußballerinnen der Welt. Teilweise wird noch hinterfragt, warum wir dies oder das nicht richtig machen. Im Viertelfinale wird sie wieder auflaufen.“ Selbst äußerte sich die 27-Jährige zwar etwas zurückhaltend („Ich habe noch Schmerzen, ich bin froh, dass ich noch nicht spielen musste“), aber der Notfallplan hatte schon einen Einsatz gegen Nigeria vorgesehen. „Wir hätten sie eingewechselt, wenn wir sie gebraucht hätten“, bestätigte Voss-Tecklenburg.
Das Viertelfinale gegen Kanada oder Schweden werde ein Duell auf Augenhöhe sein, glaubt die Trainerin. „Ich bin gespannt auf Montag, beide Gegner haben gute physische Eigenschaften und erfahrene Spielerinnen.“
Voss-Tecklenburg hat bisher vieles richtig gemacht: Die kurze WM-Vorbereitung hat verhindert, dass sich der Anflug von Lagerkoller ausbreitet, die Zusammensetzung des Kaders stimmt. Die nach außen in den sozialen Netzwerken ausgestellte Harmonie wird nach innen mit Leben erfüllt. Die Führungsqualitäten der lebenserfahrenen Chefin helfen: Die Frohnatur vom Niederrhein dient als der zentrale Ruhepol der Mission, den deutschen Frauenfußball zurück in die Weltspitze zu bringen.
So wächst der Optimismus auf dieser Tour de France gerade mit jeder Etappe. Selbst die kritische Almuth Schult schien nach dem sachlich gehaltenen Auftritt im Stade des Alpes gnädig gestimmt: „Wir haben uns von Spiel zu Spiel weiterentwickelt“, meinte die Torhüterin, die sich artig in der Mixed Zone hinsetzte, um Kapitänin Alexandra Popp ausreden zu lassen, ehe sie ihre Einschätzungen vortrug. „Ich würde sagen, die Offensive ist bei 80 Prozent, die Defensive bei 100 Prozent.“
Dass das im Umbruch befindliche Ensemble „fußballerisch noch was drauflegen kann“ (Co-Trainerin Britta Carlson) ist unbestritten, aber so lange Vorbild Popp vorne als Mittelstürmern wieder ein wichtiges Tor köpft, um dann hinten auf der Doppel-Sechs zu schuften, sind solche Mängel zweitrangig. Die 28-jährige Anführerin vereinte mit fast unendlich vielen Extrakilometern in ihrem 100. Länderspiel die aktuellen Vorzüge einer Auswahl, die sich durch die Tore von Popp (20.), Sara Däbritz (27./Foulelfmeter) und Lea Schüller (82.) belohnte.
Dass zweimal die japanische Schiedsrichterin Yoshimi Yamashita den Videobeweis zugunsten des deutschen Teams auslegte, schmälerte die Freude nicht. „Wir haben auch nicht immer gewusst, wieso weshalb warum. Aber 3:0 gegen den Afrikameister: was will man mehr. Ein perfekter Tag“, sagte Popp. Die Spielführerin war auch diejenige, die bei der Rückkehr ins Kurstädtchen Uriage-les-Bains ihre Mitstreiterinnen mit den gängigen Mallorca-Hits beschallte.
Die ausgelassene Stimmung bei den DFB-Frauen schwappte sogar bis zu Bundeskanzlerin. Bundestrainerin Voss-Tecklenburg nutzte die Wartezeit bis zur Pressekonferenz im Stade des Alpes nämlich, um auf eine SMS von Angela Merkel zu antworten, „die sich sofort nach dem Spiel gemeldet hat, sie hat direkt gratuliert, sie freut sich mit dieser Mannschaft.“ Als die Trainerin die Nachricht den Spielerinnen mitteilte, sei die Kanzlerin „gefeiert“ worden, berichtete Voss-Tecklenburg.