Es ist bekanntlich eine heikle Sache geworden, sich für Olympische Spiele zu begeistern. Schließlich hat das größte Sportfest der Welt Jahrzehnte hinter sich, in dem es sich massiv vom Zeitgeist entfremdete. Lang ist das Sündenregister: hemmungsloser Kommerzialisierung, Gigantismus, Korruption, mangelhaftes Umweltbewusstsein. Kein Wunder also, dass für viele kritische Geister die fünf Ringe zu einem Feindbild geworden sind. Und damit einherging die schwindende Bereitschaft, sich für das Mega-Event als Austragungsort zu bewerben. Zwischenzeitlich entstand bereits der Eindruck, Olympia sei nur noch an Länder mit autoritärer, prestigesüchtiger Staatsführung vermittelbar. So gesehen ist es sogar eine Überraschung, dass sich mit Mailand-Cortina ein durchaus passabler Gastgeber gefunden hat.
Grundsätzlich sei hierbei angemerkt, dass Olympische Spiele – trotz aller Vorbehalte – mitunter immer noch eine Strahlkraft entwickeln können, die weltweites Interesse weckt und Impulse auslöst, die ganze Nationen in Wallung bringen. Pyeongchang ist da im vergangenen Jahr ein gutes Beispiel gewesen. Auf Olympias Bühne präsentierte sich Südkorea auf sehr vorteilhafte Weise. Und es drängte sich bei den Winterspielen 2018 auch der Befund auf, dass das Gastgeberland großen Spaß daran hatte. Ähnlich war es 2012 in London, wo die Briten ihre anfängliche Skepsis rasch ablegten und sich leidenschaftlich der Sport-Party hingaben. So ganz am Ende scheint Olympia also noch nicht zu sein.
Inzwischen gibt es auch Anzeichen dafür, dass IOC-Chef Thomas Bach willens ist, endlich auf die olympischen Fehlentwicklungen zu reagieren. Seine Agenda 2020 zielt jedenfalls auf überfällige Reformen, die Kostenreduzierungen, Transparenz und Nachhaltigkeit zum Inhalt haben. Damit ist zwar noch nicht gewährleistet, dass die guten Vorsätze auch realisiert werden. Aber mit etwas gutem Willen sind erste Fortschritte erkennbar.
Es liegt nun an Mailand und Cortina d’Ampezzo, seine Chance zu nutzen. Sie besteht übrigens auch darin, dass erstmals seit 20 Jahren die Spiele wieder in eine traditionelle europäische Wintersportregion kommen. Zumindest gilt das für Cortina. Die Bewerbung hatte sich auf einen heutzutage fast schon unglaublichen Rückhalt in der Bevölkerung gestützt. 83 Prozent der Italiener befürworten die Mailänder Kampagne. So viel olympische Begeisterung ist sicher kein schlechtes Vorzeichen für die Spiele 2026.
Armin.Gibis@ovb.net