Anführerin und Quälgeist

von Redaktion

Megan Rapinoe soll die USA zum Titel führen – doch die 34-Jährige ist ein kontroverser Star

Reims – Donald Trump dürften die Bilder nicht gefallen haben, die da aus Frankreich über die heimischen Bildschirme flimmerten. Megan Rapinoe wird als Matchwinnerin gefeiert, Megan Rapinoe formt freudestrahlend das Victory-Zeichen mit den Fingern, Megan Rapinoe hält die Trophäe für die beste Spielerin im Arm…

Ausgerechnet diese Rapinoe, die aus Protest gegen den US-Präsidenten die Nationalhymne nicht mitsingt und ihm über die sozialen Netzwerke gerne mal ein „F*** you“ entgegenschleudert, hat die USA ins Viertelfinale der WM geschossen.

Die Spielführerin des Titelverteidigers verwandelte zwei Elfmeter (7./75.) im Achtelfinale gegen Spanien (2:1), wurde kurz vor Schluss unter dem Applaus der US-Fans ausgewechselt und sprach hinterher über den bevorstehenden Kracher am Freitag mit Gastgeber Frankreich. Doch der Fußball ist für die 33-Jährige mittlerweile vor allem ein Mittel zum Zweck.

Die Weltmeisterin und Olympiasiegerin mit den pinkfarbenen Haaren nutzt ihre Bekanntheit, um als Aktivistin auf die Missstände in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. „Ich habe erkannt, wie mächtig eine Stimme sein kann – meine Stimme, und die Stimme der Mannschaft“, sagte Rapinoe in einem Interview mit dem englischen „Guardian“.

Bevor sie ihre Stimme aber wieder zum Singen der Hymne erhebt, muss noch viel passieren. Erst müsse das Strafrecht reformiert sowie die Rechte der Lesben und Schwulen gestärkt werden, betonte Rapinoe.

Aufgrund dieser Einstellung ist die Offensivspielerin des Seattle Reign FC, die sich 2013 als erste US-Nationalspielerin offen zu ihrer Homosexualität bekannte, bei ihren patriotischen Landsleuten nicht sonderlich beliebt. Aus deren Reihen wird immer wieder der Rauswurf Rapinoes aus dem Nationalteam gefordert.

Schließlich war die gebürtige Kalifornierin die erste weiße Person und die erste Frau, die sich 2016 dem „Knie-Protest“ von Football-Quarterback Colin Kaepernick gegen Rassismus und Polizeigewalt anschloss. Das gefiel dem US-Establishment gar nicht.

Rapinoe steht wieder, dem US-Verband USSF blieb sie dennoch als „Quälgeist“ erhalten. Sie war eine von fünf Spielerinnen, die den Verband wegen Geschlechterdiskriminierung verklagten. Als Rapinoe und Co. im Frühjahr von einem Bundesgericht das Recht zugesprochen wurde, weiter juristisch gegen die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu den Männern vorgehen zu dürfen, schloss sich das gesamte Team an.

Vorangehen will Rapinoe, deren Zwillingsschwester Rachel ebenfalls professionell spielt, am Freitag auch auf dem Platz. „Wir müssen sehr gut organisiert sein, denn die Französinnen sind sehr gut mit dem Ball“, sagte die Kapitänin mit Blick auf das Duell zweier Favoriten: „Wir dürfen uns auf keinen Fall zurücklehnen.“

Aber das tut Megan Rapinoe ohnehin nur selten.  sid

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