München – Noch während Sportchef Günther Gorenzel wie jeden Dienstag zur Presse sprach, ging auf seinem Handy eine Sprachnachricht ein. Absender: der Teamarzt des TSV 1860. Die Botschaft: Dennis Erdmann, 28, hat den Medizincheck bestanden. Der Weg des Verteidigers zur Vertragsunterschrift war somit geebnet, und um 13.15 Uhr kam er dann tatsächlich um die Ecke gebogen. Noch in Zivil, aber schon am Nachmittag trainierte er erstmals mit. Erdmann erhält die Rückennummer 13, hat für zwei Jahre unterschrieben und soll die Stürmer der 3. Liga das Fürchten lehren.
Schon zuvor hatte Gorenzel von einem „absoluten Glücksfall“ gesprochen. Den zweitligaerfahrenen Verteidiger geangelt zu haben, grenzt fast an ein Wunder, wie es der Sportchef darstellt. Die erste Kontaktaufnahme sei vor zweieinhalb Wochen erfolgt – bei begehrten Spielern ist man dann eigentlich zu spät dran. Gorenzel hatte einfach mal bei Erdmanns Berateragentur angerufen und zu seiner eigenen Überraschung keine prompte Abfuhr bekommen. „Die Einschätzung unseres Scouting-Teams war: Prinzipiell aussichtlos . . .“ Erdmann habe schließlich auch Anfragen aus der Premiership gehabt, der zweiten Liga Englands. Dazu aus Kaiserslautern, das wie 1860 Tradition und eine große Fanbasis in die Waagschale zu werfen hat.
Genau dieser Faktor hat am Ende den Ausschlag gegeben – zu Gunsten der Löwen, wie Gorenzel nicht ohne Stolz berichtete. „Dennis ist in gewisser Weise ein verrückter Typ und passt wie die Faust aufs Auge zu einem emotionalen Club wie 1860. Man hat in den Gesprächen gemerkt, dass sein Kopf vielleicht woanders hin tendiert, sein Bauch aber für 1860 spricht.“ In diesem erdmanninternen Duell setzte sich letztlich der Bauch durch. „Ich bin froh, dass es geklappt hat. Dennis wird als Bank unsere gesamte Defensive stabilisieren. Für uns ist Dennis ein absoluter Königstransfer.“
Der Königstransfer selbst gab den Vorschusslorbeer brav zurück. Das erste Treffen mit Trainer Daniel Bierofka habe Eindruck hinterlassen, berichtete Erdmann: „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Huch, der brennt! Er hat einen unfassbar überragenden Eindruck gemacht.“ Aber auch das ganze, stets aufgeregte Umfeld übte einen Reiz aus: „Ich wollte zu einem Verein, der zu mir passt“, so der bekennende Abwehrrocker: „Ich brauche keinen Verein, wo Opa und Oma an der Seite stehen und mit dem Schirm wedeln. Ich brauch’ Action und Trubel, und deswegen bin ich hier genau richtig.“ Bereits heute, im Testspiel gegen Basel (19 Uhr, Germering), könnte er erstmals neben seinen neuen Kollegen auflaufen. Das Löwen-Tattoo, das bereits seine Haut ziert, wertet er als Wink des Schicksals. „Es fügt sich alles“, sagte er lächelnd.
Aber wie das so ist bei 1860: Meist zieht eine gute Nachricht auch eine weniger gute hinterher. Entgegen seiner jüngst geäußerten Pläne machte Gorenzel deutlich, „dass wir außer Erdmann – Stand jetzt – nichts mehr machen können.“ Geld für einen Stürmer sei nicht mehr da. Alles, was der erweiterte Sponsordeal in die Kassen gespült habe, sei schon wieder verplant – „obwohl Dennis bei uns keine Lawine verdienen wird“. Das Thema ist ein anderes und hängt unter anderem mit dem Konflikt der Gesellschafter zusammen.
Laut Gorenzel muss 1860 Rücklagen für zu erwartende DFB-Strafen bilden – „eine mittlere sechsstellige Summe wegen der verschlechterten Eigenkapitalquote“. Dazu eine mittlere fünfstellige Summe wegen anhängiger Pyro-Verfahren. Gorenzel mit sarkastischem Unterton in Richtung der Zündler: „Mit diesen Christbaumkerzen haben wir einen weiteren Spieler verbrannt. Aaron Berzel haben wir praktisch verschossen – den hätten wir mit so einem Betrag umsetzen können.“
Aus der Rückkehr des beliebten Ex-Löwen wird nun nichts. Es sieht so aus, als müsste Rocker Erdmann bei 1860 für zwei verteidigen.
Ein Stürmer ist jetzt nicht mehr drin – 1860 muss Geld für DFB-Strafen zurücklegen