Alle Nase lang gibt es im Sport einen Ehrentag zu feiern, allein dieser Juni ist voller runder Geburtstage: Steffi Graf, Oliver Kahn, Wolfgang Weber. Fast täglich erzählen wir uns Geschichten von früher. Und nun gilt es inmitten der 50- und 75-Jährigen einen 25-Jährigen zu ehren. 25 wird heute nämlich eine der berühmtesten Gesten der deutschen Fußballgeschichte: Stefan Effenbergs Mittelfinger.
Anders als zu den Grand-Slam-Siegen von Graf, den Paraden von Kahn und zu Weber, wie er im WM-Finale von 1966 den Ball nach dem fälschlicherweise anerkannten Wembley-Tor klärend über den deutschen Kasten köpft, existieren von Effes auf- und ausfälligem Moment während der WM 1994 in Dallas keine bewegten Aufnahmen. Noch nicht einmal ein Foto. Vor 25 Jahren gab es halt erst wenige Handys, die deutschen funktionierten (andere Bandbreite) in den USA gar nicht, und Mobiltelefone hatten damals auch den Sinn, dass man mit ihnen telefoniert; sie hatten noch keine Kameras. Die Szene mit Effenbergs Gruß an die deutschen Fans („Effenberg raus“) bei seiner Auswechslung in der 75. Minute des Spiels gegen Südkorea verpassten die Profiknipser – und unter den Zuschauern auf der Tribüne war keiner schnell genug, seine Spiegelreflex aus der Tasche zu holen und das Teleobjektiv aufzuschrauben. Doch es gab genügend Augenzeugen – und Effenbergs Geständnis. Er hatte dann Urlaub. Verpasst hätte er eh nicht mehr viel in diesem Turnier (Stichworte: Bulgarien, Viertelfinale, Kopfballduell Letchkov gegen Häßler).
Nach 25 Jahren erinnert man sich mit einem Schmunzeln an Effenbergs Eskapade. Großen Schaden hat sie letztlich nicht hinterlassen. Die Deutschen erfuhren etwas über die Kulturgeschichte des Mittelfingers – Bildung dank eines Fußballvorfalls. Stefan Effenberg machte keine weitere große Nationalmannschaftskarriere (lediglich zwei Begnadigungsspiele vier Jahre später), konnte sich dafür auf sein Wirken in den Vereinen konzentrieren, wovon Borussia Mönchengladbach (Klassenerhalt in schwierigen Zeiten) und der FC Bayern (Champions-League-Gewinner 2001) profitierten. Effes Mittelfinger geriet in Vergessenheit, sein berühmteres Körperteil wurde durch Knutschaufnahmen vom Oktoberfest eh seine Zunge.
Somit ist mehr aus ihm geworden als ein x-beliebiger braver Alt-Nationalspieler, sondern ein Typ, ein Freund der Sonne, obwohl die ihm 1994 so gnadenlos auf den Blondschopf brannte. Effenberg hat vieles richtig gemacht, auch wenn es zunächst falsch anmutete.
Guenter.Klein@ovb.net