München – Wer hat es wieder mal als Erstes gewusst? Natürlich: Die Simpsons! In einer Folge der gelben Rasselbande aus Springfield wird Lisa zum Baseball-Coach ihres Bruders Bart und führt die Truppe mithilfe der Auswertung zahlreicher Daten und Statistiken zum Erfolg. Jahre später wird Big Data, also die Ansammlung leistungsrelevanter Daten, nicht nur im US-Sport genutzt, sondern auch im Fußball. Und damit ist nicht die Steinzeitauflistung von Pässen, Schüssen und Grätschen pro Partien gemeint, sondern die Verarbeitung komplexer Daten wie Handlungsschnelligkeit, Spielintelligenz oder Ermüdung. Der gläserne Fußballer ist da – und erleichtert den Sportdirektoren dieser Welt ihre Arbeit ungemein.
Folgendes Szenario: Nach den Abgängen von Franck Ribéry und Arjen Robben ist ein Club wie Bayern auf der Suche nach Flügelspielern, die ein ähnliches Profil mitbringen wie die beiden Legenden. Früher mussten dafür noch zehn Scouts quer durch Europa reisen und so viele Kicker wie möglich live unter die Lupe nehmen, heutzutage genügt ein einzelner Klick auf dem Computer. Denn der spuckt dank Datenlieferanten wie StatsBomb oder ChyronHego eine Liste von potenziellen Akteuren mit dem gewünschten Anforderungsprofil aus. Welcher davon warum der geeignetste ist, muss natürlich weiterhin die sportliche Leitung entscheiden.
Vereine wie Liverpool und die belgische Nationalmannschaft nutzen das Hilfsmittel schon seit Jahren – wie wertvoll Big Data sein kann, zeigt jedoch das jüngste Beispiel aus Südspanien. Vor zwei Jahren musste Real Betis einen schmerzhaften Verlust hinnehmen. Neapel zog die Ausstiegsklause für Mittelfeldjuwel Fabian Ruíz, womit die Andalusier ohne Spielgestalter dastanden. Prompt fütterte die sportliche Leitung den PC mit einem optimierten Profil des Abgängers, heraus kam der Name Giovani Lo Celso. Vor einem Jahr war das 23-jährige PSG-Talent noch den wenigsten ein Begriff, nach einer Saison mit 16 Toren und sechs Assists für Betis will Tottenham nun rund 50 Millionen Euro für ihn auf den Tisch legen.
Es wird so gut wie alles erfasst. Unzählige Kameras im Stadion, die die genaue Positions eines Spielers und des Balls bis zu 25 Mal pro Sekunde ermitteln, sowie Chips an Körper und beiden Beinen des Spielers machen sogar ein Niesen zu einer Zahl. Wie gut die Clubs mittlerweile mit der neuen Technologie umgehen, weiß der Ex-Hamburger Piotr Trochowski. „Was Scouting und Videoanalyse angeht, sind sie unheimlich gut aufgestellt“, so der 35-Jährige über seinen ehemaligen Club FC Sevilla. Und weiter: „Die meisten Spieler in ihrer Datenbank kannte ich nicht – die wussten aber alles über sie. Sprintwerte, Fitnesswerte, Pässe pro Partie – einfach alles! Sogar über Spieler aus Ligen, die man nicht auf dem Zettel hat. Auch über mich wussten sie alles, sie hatten mich von meinem 19. Lebensjahr an verfolgt.“
Seit die DFL die Technik auch auf den Trainerbänken der Bundesligastadien erlaubt hat, wird Big Data natürlich auch während der Partie genutzt. Die Daten sind sofort verfügbar, die Analysten versorgen den Chefcoach mit relevanten Daten, so dass dieser sekundenschnell eingreifen kann. Fällt den Nerds zum Beispiel auf, dass der Rechtsverteidiger des Gegners Ermüdungserscheinungen aufweist, so kann der Coach rasch den Befehl geben, diese Abwehrseite vermehrt zu bespielen.
Die digitale Revolution ist im Fußball angekommen. Daten können Meisterschaften entscheiden. Schön zu wissen, dass all die Zahlen ohne ein funktionierendes, intelligentes menschliches Gehirn aber nichts wert wären. Frag nach bei Lisa Simpson. Ohne ihr kluges Köpfchen hätte auch sie keinen Erfolg gehabt.