„Wir könnten uns Innovationskraft von England abschauen“

von Redaktion

Kinexon-Chef Maximilian Schmidt über die Erhebung von Leistungsdaten im Fußball und ihre wachsende Bedeutung

Herr Schmidt, wie würden Sie die Arbeit von Kinexon als Dienstleister für Big Data beschreiben?

Wir verstehen Kinexon als ein Google Analytics für Sport. Das heißt, wir unterstützen Profi-Vereine dabei, mit Leistungsdaten ihre Spieler die ganze Mannschaft besser zu machen.

Wie sieht das aus?

Wir erheben und analysieren Leistungsdaten von Spielern, und bereiten diese automatisch für die Trainer auf. Anhand dieser Daten geben wir Empfehlungen zum Thema Belastungssteuerung, Verletzungsprävention und auch zur Spielanalyse.

Wie muss man sich das im Trainingsalltag vorstellen?

Nehmen Sie die Belastungssteuerung über die ganze Saison hinweg. Durch die Analyse der Trainings- und Spieldaten geben wir den Vereinen die Möglichkeit, die Belastung einzelner Spieler transparent einzusehen. Zum Beispiel zum präventiven Vorbeugen von Verletzungen durch eine ausgewogene Belastung der Spieler: Wann muss man sie stärker beanspruchen? Wann muss man die Belastung runterfahren? Oder wann muss man Spieler wegen Überbelastung komplett aus dem Training nehmen? Das Gleiche gilt für Sportler, die gerade von einer Verletzung kommen und sich im Reha-Prozess befinden. Anhand unserer objektiven, transparenten Daten können wir dabei helfen, den Akteur individuell an sein altes Niveau heranzuführen.

Und die Spielanalyse?

Bei der quantitativen Spielanalyse stellen wir vollautomatisiert die Qualität der Ausführungen der taktischen Vorgaben des Trainers fest. Wir gehen damit beispielsweise der Frage nach, ob im Pressing-Verhalten richtig angelaufen wird. Da können wir durch die Analyse von Positionsdaten den Trainern eine Hilfestellung geben, nicht ideal umgesetzte Elemente automatisiert zu finden – Gleiches gilt freilich auch für Positiv-Beispiele. Hier geht es insbesondere um eine schnelle Durchsuchbarkeit des Spiels anhand der gesammelten Daten. Durch die Echtzeit-Fähigkeit gibt es im Training die Möglichkeit, sofort Feedback zu geben.

Und Kinexon weiß bestimmt, dass Bayern-Trainer Niko Kovac für moderne Trainingsmethoden sehr empfänglich ist.

Wir haben schon zu seiner Zeit bei Frankfurt die Gespräche mit der Eintracht aufgenommen. Wir haben aus seinem damaligen Stab sehr eng mit Sebastian Zelichowski und Marcel Daum zusammengearbeitet, die Innovationen sehr offen gegenüber stehen. Frankfurt arbeitet heute noch mit unserem System.

Inwiefern helfen Ihre Daten auch beim Scouting?

Nehmen sie das Beispiel Nachwuchsarbeit: Durch Datensammlungen lassen sich individuelle Spielerprofile erstellen, die zur Philosophie eines Vereins passen. Somit kann man Spieler dort gezielter entwickeln. Das heißt: Welchen Leistungssprung im physischen Bereich muss ein Spieler in der B-Jugend zur A-Jugend oder zu den Profis machen? Das lässt sich messen. Und zuletzt kann Big Data perspektivisch auch das ganze Thema Scouting abdecken.

Wie funktioniert das?

Durch die große Menge an Daten, die im Training und in den Spielen erstellt werden, können wir Spielerprofile für bestimmte physische oder spieltaktische Anforderungen für Vereine leichter identifizieren – und so den Scouting-Prozess vereinfachen.

Dann müsste sich der FC Bayern bei seiner Suche nach einem Flügelstürmer ja nur an sie wenden.

(lacht) So weit würde ich jetzt auch nicht gehen, dass wir die Arbeit des Bayern-Scoutings überflüssig machen. Ich glaube nur, dass wir in der Selektion – wenn wir die Daten flächendeckend hätten, was in Deutschland noch nicht der Fall ist – die Möglichkeit haben, viel schneller eine zielführende Auswahl in Sachen physische und taktische Stärke herbeizuführen. Wenn man zusätzlich dazu noch das geschulte Auge des Scouts hinzunimmt, wäre die Auswahl leichter. Denn neben den fußballerischen Fähigkeiten gehört beim Scouting-Prozess ja auch noch die psychologische, mentale oder soziale Bewertung des Spielers mit dazu.

Wie wird das Thema Big Data in den anderen Top-Ligen behandelt?

Was die Spielanalyse und Trainingslehre angeht, sind wir in der Bundesliga sicherlich schon sehr weit. Was die Adaption des ganzen Themas Datenanalyse und die Berücksichtigung von sportwissenschaftlichen Auswertungen von Leistungsdaten angeht, sind uns die Kollegen von der Insel etwas voraus. Dort wird einfach mehr Geld in Technik und Personal investiert. Die Daten-Analyse-Abteilungen der Vereine in der Premier League sind häufig doppelt so groß wie in der Bundesliga. Da können wir uns in Deutschland eine gute Portion Innovationskraft abschauen. Und die Investition ist sicherlich preiswerter als manch hohe Ablösesumme, die aktuell gezahlt wird.

Interview: Manuel Bonke

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