München – Auf einer Plattform aus Holz im Olympiasee steht Evan Brandes, schaut auf den Parcours vor ihm, der mit einer Rampe, acht Meter hoch, beginnt und mit einer Wand, sechs Meter hoch, endet und sagt: „Das ist schon krass.“ Es kommt nicht so oft vor, dass Brandes, 18, großes Ohrloch, Nasenpiercing und Kappe auf dem Kopf, etwas richtig krass findet. Mit seinem BMX ohne Bremsen – manche Profis lassen sie am Rad, er aber hat sie abmontiert – ist er schon über viele Rampen gehüpft. Im vergangenen Oktober gewann er bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires Team-Gold für Deutschland – knapp zwei Jahre vor den Sommerspielen in Tokio, wo BMX erstmals olympisch sein wird. Das sind schöne Perspektiven. An diesem Donnerstag aber, auf dem Olympiasee, dreht Brandes sich um, starrt auf drei hintereinander aufgereihten Holzrampen zwischen Startturm und Schlusswand. „Krass“, sagt er noch einmal. Er ist nicht der Einzige, der an diesem Tag so redet.
An diesem Donnerstag hat sich der Olympiapark in München schon verwandelt in ein riesiges Actionsportland, wo bis Sonntag die sechste Ausgabe von Mash (Munich Action Sport Heroes) ausgetragen wird. Auf Skateboards fahren junge Männer mit weiten T-Shirts und Kappen auf dem Kopf durch den Park, einer trägt einen Gips am Arm. Auf den Kursen testen die Athletinnen und Athleten für die Mash-Wettkämpfe, die in der Extremsportszene sehr angesehen sind. Sie reisen daher aus der ganzen Welt an: Australien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada, Österreich, Spanien, Russland, Ukraine, USA. Es hat sich eben herumgesprochen, was sich da in München seit nun sechs Jahren entwickelt. Und die Mash-Macher haben herausgefunden, was bei Sportlern und Fans gut ankommt. Vor einem Jahr kamen an drei Tagen 88 000 Besucher in den Park, weshalb die Organisatoren in diesem Jahr mit denselben drei Disziplinen antreten: BMX, Skateboard und Wakeboard. Und doch hat sich einiges verändert.
Auf dem Olympiasee etwa, wo mal wieder die Wakeboarder gezogen von einer Seilmaschine über das Wasser gleiten, gibt es neue Hindernisse – entworfen von den Athleten selbst. Sie werden in München zum ersten Mal gefahren. Auf solche Weltpremieren sind die Actionsportler immer besonders stolz. Noch stolzer sind sie in diesem Jahr nur darauf, dass zum ersten Mal Frauen mitmachen dürfen – im neu geschaffenen Team-, aber auch im Einzelwettbewerb. Im Vorjahr durften sie nur für ein Fotoshooting kommen. Der Fortschritt hat auch mit Marion Schöne zu tun, der Olympiapark-Chefin, die sich sehr dafür eingesetzt hat, dass 2018 drei Skateboarderinnen als erste Frauen der Mash-Historie antraten.
Auf dem BMX-Parcours (dem einzigen Hauptevent ohne Frauen), glaubt Evan Brandes, der deutsche Starter, werden die Fahrer höher springen als vor einem Jahr. Und weil zwischen den Rampen nur wenige Meter Platz sind, kann jede ungenaue Landung den Lauf schon ausbremsen.
Ein paar Meter weiter oben, am Hang neben dem Coubertinplatz, startet der Red Bull Roller Coaster, eine Art Holzachterbahn für Skateboarder – zusammengebastelt mit 60 Tonnen Holz und fast 100 000 Schrauben. Auf dem Starthügel steht Lenni Janssen, 18, oberkörperfrei und mit Kreuzkette, aber mit einer Wollmütze auf dem Kopf und stützt sich auf seinem Brett ab. Ziemlich schwer sei die Strecke, sagt er – dabei hat er das spektakulärste neue Element im Training immer ausgelassen: den Looping. Am Ende des Kurses steht er, klein, Innenhöhe etwa 2,20 Meter, aber trotzdem sehr furchteinflößend. Wer traut ihn sich zu? Keine Ahnung, sagt Janssen, vielleicht Alex Hallford, der Engländer. Er will es vielleicht mal probieren, Zweifel hat er aber schon. „Das ist einfach krass“, sagt er. „Sehr krass.“ CHRISTOPHER MELTZER