„Ich weiß nicht, ob 50 000 Follower erstrebenswert sind“

von Redaktion

DFB-Torhüterin Almuth Schult über soziale Medien, ihre bislang perfekte WM und das Leben auf dem Bauernhof

Almuth Schult, wie lebt es sich im einzigen Einzelzimmer beim deutschen Frauen-Nationalteam?

Ganz schön. Es ist ruhig. Wenn ich jemand sehen will, kann ich das Zimmer verlassen. Es ist ein bisschen wie zu Hause, wenn man seine eigene Wohnung hat.

Fühlen Sie sich manchmal allein gelangweilt?

Überhaupt nicht! Ich muss nicht pausenlos reden. Ich mache mir gerne meine Gedanken, lese etwas oder telefoniere mit der Familie.

Sie sind die einzige Spielerin, die keinen Instagram-Account besitzt. Bei den DFB-Frauen war vor dem Achtelfinale zu lesen: „Hält uns heute den Kasten sauber, #AlmuthOhneInsta“. Fanden Sie das auch lustig?

Der Hashtag begleitet uns die Vorbereitung und die Weltmeisterschaft. Ich bekomme öfter von Bekannten einen Screenshot mit diesem Hashtag und finde das recht witzig. Ich mache das mit den sozialen Netzwerken aus Überzeugung nicht, weil ich am liebsten mit Menschen direkt kommuniziere. Und ich muss nicht alles von meinem Privatleben preisgeben.

Besteht die Gefahr, dass sich in den sozialen Netzwerken eine Scheinwelt ausbreitet?

Für die Austragung von Konflikten sind diese Plattformen kaum geeignet. Wie bei allen Neuerungen gibt es positive und negative Effekte. Viele würden sich doch heutzutage nicht trauen, einem das ins Gesicht zu sagen, was sie aber bei Facebook und auf Insta-gram schreiben – und sich die Betroffenen dann sehr zu Herzen nehmen. Und ich weiß nicht, ob es erstrebenswert ist, 50 000 Follower zu haben. Da sind doch viele dabei, von denen man sagt: „Ich finde gar nicht gut, dass der alles von mir sieht.“

Sie haben die Heim-WM 2011 und die WM 2015 als Ersatztorhüterin miterlebt. Was ist der größte Unterschied zum Team 2019, in dem Almuth Schult die Nummer eins ist?

(überlegt). Sehr gut ist, dass alle im Umgang mit den Medien sehr geschult sind und – da kommen die sozialen Netzwerke positiv ins Spiel –alle sehr verantwortungsvoll damit umgehen. Dispute werden nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen. Natürlich sagt einer leicht, wir könnten mehr Charakterköpfe haben, aber hier wissen alle, um was es geht. Und wir haben anders als 2015 einen sehr ausgeglichenen Kader, bei dem viele Spielerinnen sehr flexibel sind.

Sie haben Anteil an der guten Bilanz. Ohne Gegentor zu sein, weckt Erinnerungen an Nadine Angerer, die 2007 ohne Gegentor blieb. Sie wollen davon nicht viel wissen…

…weil in der K.o.-Phase noch stärkere Gegner kommen werden, schon jetzt gegen Schweden wird das eine andere Nummer. Beim Testspiel in Schweden (2:1, Anm. d. Red.) haben wir auch ein Gegentor bekommen. Außerdem bin ich es nicht allein, die sich in die Bälle reinwirft. Glück braucht es auch. Wie alle wissen, rechne ich ja gerne: Da geht es um Wahrscheinlichkeiten, und die Chance ist sehr gering, noch drei Spiele ohne Gegentor zu bleiben.

Sie haben in einer Pressekonferenz kürzlich verraten, Sie hätten sich früher von Oliver Kahn inspirieren lassen…

(lacht). Darüber schmunzele ich. Oliver Kahn hatte an jenem Tag seinen 50. Geburtstag. Die WM 2002 war mein erstes Turnier, das ich geschaut habe, aber er war nicht mein Vorbild. Wenn ich Fußball sehe, versuche ich mir immer etwas fürs Torwartspiel abzuschauen.

Haben Sie im Rückblick eigentlich eine Erklärung für Ihre Aussetzer im Testspiel gegen Japan? Eher die Folgen der Erkrankung oder doch Übermut?

Letztlich kam im Frühjahr vieles zusammen. Nur: Bevor mir die Fehler gegen Japan und Olympique Lyon passiert sind, habe ich mir wenig zu Schulden kommen lassen, nur darüber verliert dann niemand ein Wort. Es ist leider in Deutschland so, dass man sich mit einem Fehler als Torwart ein ganzes Jahr kaputt machen kann.

Die Bundestrainerin hat gesagt, Sie seien diejenige, die mit hohem taktischen Verständnis glänze. Gerade das wird Torhütern oft abgesprochen.

Vielleicht liegt das in meiner Natur. Ich versuche schon , aus allem etwas rauszuziehen. Wenn ein Torwart das Spiel von hinten lenken will, ist es wichtig die Mannschaftstaktik zu kennen, und wenn es nur um einen Meter im Stellungsspiel geht. Ich bin froh, dass ich das Auge dafür habe.

Ihr Spitzname lautet „Almuth allwissend“. Im Elternhaus auf dem Bauernhof soll immer ein Brockhaus im Bücherregel gestanden haben.

Ich bin bekanntlich im Wendland auf dem Dorf aufgewachsen. Da ist es bis heute mit dem Internet schwierig. Mal eben schnell etwas googeln, geht da nicht. Deswegen hatten meine Eltern mehrere Enzyklopädien griffbereit, und wenn eine Frage geklärt werden musste, wurde das eben von den Kindern nachgeschlagen.

Sie haben den elterlichen Hof in Lomitz kürzlich Nilla Fischer gezeigt, der Sie jetzt im WM-Viertelfinale begegnen.

Ich habe sie auf den Bauernhof mitgenommen, weil Nilla gerne diese Erfahrung machen wollte. Sie hat in Schweden auch ein Haus auf dem Land gekauft, wo sie sich überlegt, selbst Hühner oder Kühe zu halten.

Und die Kühe werden dann auch von Ihnen noch gemolken?

Klar, kann ich das noch. Ich bin zwar nicht so viel da, aber wenn Hilfe benötigt wird, packe ich mit an: ob nun die Kühe zu melken sind oder Heu gepresst werden muss.

Ihre Zukunft sehen Sie später aber nicht dort?

Ich habe größten Respekt vor allen, die das machen, weil man keinen Urlaub hat, weil man sieben Tage die Woche 24 Stunden für seine Tiere da ist. Dafür muss man geboren sein. Meine Schwester hat den Hof übernommen, und ihr sehe ich an, dass sie das lebt. Ich denke nicht, dass ich in diese Richtung gehe.

Sondern? Sie werden Trainerin?

Das würde mir sicher Spaß machen. Ich habe als Torwarttrainer und als Trainer im Jugendbereich schon erste Erfahrungen gesammelt.

Interview: Frank Hellmann

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